ChatGPT als Seelentröster: Warum das gefährlicher ist, als du denkst

6 Minuten
Hast du schon mal einer KI erzählt, wie es dir wirklich geht? Wenn ja, bist du damit nicht allein. Immer mehr Menschen öffnen sich gegenüber Chatbots, wenn sie traurig sind oder sich einsam fühlen. Psychotherapeut Dr. Paolo Raile teilt seine ehrlichen Einschätzungen.
Übermorgen Episode 79 - ChatGPT als Seelentröster: Warum das gefährlicher ist, als du denkst
Übermorgen Episode 79 - ChatGPT als Seelentröster: Warum das gefährlicher ist, als du denkstBildquelle: inside digital

Dr. Paolo Raile selbst nutzt KI regelmäßig, für Alltagsfragen genauso wie für persönliche Themen. Er hat sie schon nach Erziehungstipps für seinen Sohn gefragt, aber auch einfach nach der richtigen Blumenart im eigenen Garten. Seine Erfahrung zeigt, dass KI in vielen Bereichen erstaunlich hilfreich sein kann. Bei klaren Fakten liefert sie oft sehr gute Antworten. Schwieriger wird es bei Themen, bei denen es kein eindeutiges Richtig oder Falsch gibt, etwa in der Partnerschaft oder bei Erziehungsfragen. Dort merkt Raile, dass die Antworten manchmal stark von den eigenen Voreinstellungen geprägt sind.

Was macht KI für so viele Menschen emotional so attraktiv? Laut Raile liegt es an drei Dingen. Die KI simuliert Empathie, sie antwortet fast immer respektvoll und wertschätzend, und sie neigt dazu, der eigenen Meinung zuzustimmen, solange keine offensichtlichen Fakten dagegensprechen. Sie ist immer verfügbar, urteilt nicht und wirkt fast schon zu verständnisvoll. Kein Wunder, dass sich viele Menschen in schwierigen Momenten lieber an ein Chatfenster wenden als an einen echten Menschen.

Das Problem mit dem ständigen Zustimmen

Doch genau hier liegt laut Dr. Paolo Raile auch eine Schwäche. KI neigt zum sogenannten People Pleasing. Sie widerspricht selten, bestätigt oft die eigene Meinung und meidet echte Konfrontation. In der Psychotherapie kann das gefährlich werden, denn manchmal braucht ein Mensch genau das Gegenteil, nämlich einen ehrlichen Spiegel und auch mal unbequeme Wahrheiten. Ein guter Therapeut sagt auch das, was Menschen nicht hören wollen, aber hören müssen. Genau das fällt der KI schwer.

Hinzu kommt ein technisches Problem, das viele unterschätzen. KI hat ein begrenztes Gedächtnis innerhalb eines Gesprächs. Wenn jemand über eine schwere Zeit spricht, etwa den Tod eines nahen Menschen, und danach noch viele andere Themen anspricht, kann es passieren, dass die KI genau diesen wichtigen Kontext irgendwann einfach vergisst. Für jemanden, der eine echte emotionale Beziehung zur KI aufgebaut hat, kann das ziemlich irritierend sein.

Besonders spannend wird es beim Blick auf die Ausbildung von Therapeutinnen und Therapeuten. Raile hat selbst einen KI‑basierten Patientensimulator entwickelt, mit dem angehende Fachkräfte üben können, bevor sie echten Menschen gegenübersitzen. Das Feedback aus der Branche war überraschend positiv. Viele Kolleginnen und Kollegen zeigten sich beeindruckt, wie realistisch die simulierten Gespräche wirken, vor allem bei Themen wie Angststörungen oder Depressionen. Bei schweren Persönlichkeitsstörungen oder Psychosen stößt die Technik allerdings an ihre Grenzen, weil KI von Natur aus sehr strukturiert antwortet.

Trotzdem macht Dr. Paolo Raile im Podcast klar, dass eine echte Psychotherapie durch KI niemals ersetzt werden kann. Der Grund liegt tief in der Technologie selbst. KI berechnet Antworten Wort für Wort nach Wahrscheinlichkeiten, basierend auf den Daten, mit denen sie trainiert wurde. Ein echtes Verständnis für menschliche Emotionen oder eine echte Beziehung kann daraus einfach nicht entstehen. Genau diese Beziehung ist aber laut Forschung der wichtigste Wirkfaktor in der Therapie. Jede Beziehung zur KI bleibt einseitig, weil von ihrer Seite aus schlicht keine echte Bindung existiert.

Vorsicht bei sensiblen Daten

Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft den Datenschutz. Raile warnt eindringlich davor, persönliche Chatverläufe oder Informationen über andere Menschen einfach in gängige KI-Tools einzugeben. Wer zum Beispiel einen Streit mit dem besten Freund wortwörtlich in ein Chatfenster tippt und die KI fragen lässt, wer recht hat, bewegt sich rechtlich auf dünnem Eis. Das kann sogar Konsequenzen haben, wenn dadurch erkennbare Informationen über Dritte weitergegeben werden. Wer therapeutische Inhalte reflektieren möchte, sollte laut Raile entweder alles anonymisieren, in eigenen Worten zusammenfassen oder auf lokale Modelle setzen, die komplett auf dem eigenen Computer laufen.

Am spannendsten ist vielleicht der Blick in die Zukunft. Dr. Paolo Raile glaubt, dass sich unsere Erwartungen an menschliche Beziehungen langfristig verändern könnten, wenn wir uns an die ständige Verfügbarkeit und Widerspruchslosigkeit von KI gewöhnen. Wer es gewohnt ist, dass ein Gegenüber rund um die Uhr präsent, respektvoll und fast nie widersprechend antwortet, entwickelt vielleicht unbewusst ähnliche Erwartungen an echte Partnerschaften. Und Menschen sind nun mal nicht immer so.

Trotzdem bleibt Raile zuversichtlich. Er vertraut darauf, dass Menschen weiterhin in echte Beziehungen investieren, anstatt bei der ersten Schwierigkeit aufzugeben. Er sieht die größte Auswirkung eher bei jungen Menschen, die von Anfang an mit KI aufwachsen, und erwartet spürbare gesellschaftliche Effekte eher in fünfzehn bis zwanzig Jahren als schon morgen. Für seine eigene Arbeit als Therapeut rechnet er damit, dass sich vor allem einfachere Anliegen künftig eher mit KI-Unterstützung lösen lassen, während die komplexeren Fälle weiterhin in die Praxis kommen werden.

Was am Ende wirklich zählt

Am Ende bleibt eine wichtige Frage im Raum. Was passiert mit uns, wenn Gespräche immer häufiger mit Maschinen stattfinden als mit echten Menschen? Dr. Paolo Raile rät jedem, der sich dabei ertappt, öfter mit KI als mit Freunden zu sprechen, sich ehrlich zu fragen, warum das eigentlich so ist. Vielleicht steckt dahinter die Angst, verurteilt zu werden, oder einfach der Wunsch nach einem sicheren, absolut verschwiegenen Ort. Beides ist menschlich und verständlich.

Klar ist aber auch, dass KI zuhören, analysieren und erstaunlich einfühlsam wirken kann, echte menschliche Nähe aber niemals vollständig ersetzt. Sie kann eine wertvolle Ergänzung sein, in der Ausbildung, im Alltag oder bei kleineren Alltagsfragen. Für die tiefen, langfristigen Prozesse braucht es weiterhin echte Menschen, die zuhören, mitfühlen und manchmal eben auch widersprechen. Und genau das macht am Ende den Unterschied. Hier geht’s direkt zur Folge bei deinem Podcast-Anbieter:

überMorgen anhören und abonnieren

überMORGEN ist der Podcast von inside digital! Wir machen Lust auf morgen, überall dort, wo es Podcasts gibt. Die aktuellen Folgen findest du auf Spotify, Apple Podcasts und Amazon Music und vielen mehr.

Wir freuen uns über dein Feedback über die aktuelle Folge! Schreibe uns dafür einfach eine E-Mail an podcast@beebuzz.media oder folge uns auf Instagram und kommentiere dort. Selbstverständlich freuen wir uns auch auf Bewertungen und dein Review bei Apple Podcasts. Wenn du Fragen oder Ideen für zukünftige Episoden hast, lass es uns wissen, kommentiere hier oder schreib uns einfach eine Mail.

So arbeiten wir
Unsere Redaktion recherchiert und bewertet unabhängig — nach festen journalistischen und fachlichen Kriterien. Über Affiliate-Links im Beitrag bekommen wir beim Kauf eine Provision. Für dich ändert sich der Preis nicht.

Und was sagst du?

Bitte gib Dein Kommentar ein!
Bitte gibt deinen Namen hier ein