Seit mehr als hundert Jahren gilt er als zivilisatorische Errungenschaft: der 8-Stunden-Arbeitstag. Er stammt aus einer Zeit, in der Menschen noch 12 oder 14 Stunden in Fabriken standen und Gewerkschaften ein schlichtes Versprechen formulierten: acht Stunden Arbeit, acht Stunden Freizeit, acht Stunden Schlaf. Warum ausgerechnet acht Stunden? Weil weniger kaum für den Lebensunterhalt langte und mehr krank machte. Zu lange Arbeitstage galten als Unfalltreiber, sorgten für Burn-outs und waren Familienkiller. Zu kurze als wirtschaftlich schwer vermittelbar. Der Acht-Stunden-Tag wurde Kompromiss und Symbol zugleich und steigerte auch noch ganz nebenbei die Produktivität. Doch jetzt rüttelt die Regierung daran.
8-Stunden-Tag?! 10 oder 12 gehen doch auch
Das 8-Stunden-Modell hat Risse bekommen. Eine Wirtschaft, die rund um die Uhr läuft, hat keine Öffnungszeiten. Krankenhäuser, Hotels, Lieferdienste und Eventhallen halten sich nicht an den Rhythmus der Stechuhr. Viele Deutsche arbeiten längst in Schichten, an Wochenenden und nachts. Das Gesetz aber denkt noch in Werktagen. Nun taucht ein brisantes Papier auf, das diesen Grundsatz infrage stellt. Ein Strategiepapier der Bundesregierung, das der Bild-Zeitung vorliegt. Darin steht ein Satz, der nach Revolution klingt: Künftig soll nicht mehr die tägliche, sondern die wöchentliche Höchstarbeitszeit zählen.
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Das bedeutet: Der 8-Stunden-Tag wäre nicht abgeschafft, aber entkernt. Statt maximal acht (oder ausnahmsweise zehn) Stunden pro Tag könnten Beschäftigte an einzelnen Tagen deutlich länger arbeiten. Zumindest solange sie am Ende der Woche im Durchschnitt auf die erlaubte Gesamtarbeitszeit kommen. Wie viele Stunden pro Tag das konkret sein könnten, lässt das Papier offen. In der Praxis könnten es deutlich mehr als zehn sein. 12, vielleicht sogar 14. Dafür gäbe es später frei. Arbeit im Block, Freizeit im Paket.
Überstunden steuerfrei
Betroffen wäre zunächst eine Branche, die ohnehin im Ausnahmezustand arbeitet: die Tourismus- und Gastronomiebranche. Hotels, Restaurants, Reiseveranstalter, Freizeitparks. Dort arbeiten rund zwei Millionen Menschen in Deutschland. An Wochenenden und Feiertagen, nachts und zu bestimmten Jahreszeiten. Für sie soll das neue Modell zuerst gelten.
Und damit dort mehr Jobs besetzt werden können und die Arbeiter noch mehr arbeiten, soll es Anreize geben: Überstunden könnten steuerfrei werden, Einmalprämien für längere Arbeitszeiten begünstigt. Mehr Arbeit soll sich wieder lohnen. Weniger geregelt werden soll sie auch: Bürokratieabbau, weniger Dokumentationspflichten, mehr Vertrauen in Betriebe.
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Der Tourismus ist der Testlauf. Gelingt er, könnte das Modell auch in Industrie, Pflege oder Logistik Schule machen. Der Acht-Stunden-Tag wäre dann kein Maßstab mehr, sondern ein Richtwert unter Vorbehalt. Ob das mehr Freiheit und bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf bringt oder einfach längere Tage, wird sich zeigen.
