Ich gab meinen Job in die Gehalts-Suchmaschine der Arbeitsagentur ein. Danach hatte ich eine Frage an meinen Chef

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Verdiene ich eigentlich zu wenig oder bilde ich mir das nur ein? Ich habe meinen Beruf in die Gehalts-Suchmaschine der Arbeitsagentur eingegeben und die Ergebnisse mit Kununu und Stepstone verglichen. Was ich fand, führte direkt zu einer unangenehmen Frage an meinen Chef.
Ich gab meinen Job in die Gehalts-Suchmaschine der Arbeitsagentur ein. Danach hatte ich eine Frage an meinen Chef
Ich gab meinen Job in die Gehalts-Suchmaschine der Arbeitsagentur ein. Danach hatte ich eine Frage an meinen ChefBildquelle: inside digital / mithilfe von KI

Ich starre auf den Bildschirm, während mein Kaffee langsam die Temperatur eines abgestandenen Bieres erreicht, und frage mich: Ist das Gehalt, das am Ende des Monats auf meinem Konto landet, eigentlich fair? Oder werde ich hier nach allen Regeln der Kunst ausgebeutet, während ich schweigend auf mehrere Tausend Euro im Jahr verzichte, ohne es überhaupt zu ahnen? In Deutschland sprechen wir lieber über Hämorrhoiden als über Gehälter. Der Nachbar darf wissen, was wir grillen, erzählt einem von seiner Scheidung und weiß, was bei mir in der Garage steht. Aber was am Monatsende auf dem Konto landet? Staatsgeheimnis. Wir wollen schließlich keinen Neid schüren, obwohl uns der glänzende SUV in der Einfahrt ohnehin schon verrät, oder – noch viel schlimmer – uns der bitteren Wahrheit stellen. Doch als Journalist bin ich beruflich darauf trainiert, an Dingen herumzustochern, die eigentlich niemand so genau wissen will. Also beschloss ich, herauszufinden, was andere Redakteure tatsächlich verdienen.

Ein Job, drei Gehälter

Also öffnete ich den Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit. Das Ding ist kostenlos, unspektakulär und genau deshalb ziemlich mächtig. Es arbeitet nicht mit Umfragen oder Selbstauskünften, sondern mit echten Sozialversicherungsdaten. Arbeitgeber melden jedes sozialversicherungspflichtige Gehalt. Der Entgeltatlas rechnet daraus den Median – also das, was Vollzeitbeschäftigte in einem Beruf typischerweise verdienen – und spuckt den ungeschönten Betrag für über 4.000 Berufe aus. Keine Hochglanzwelt, keine Selbstdarstellung, keine Selbstdarstellung wie bei LinkedIn. Eher der Versuch, die Realität einmal glattzuziehen.

Und ehrlich gesagt: Wer stellt sich diese Frage nicht irgendwann? Ob das eigene Gehalt wirklich passt, oder ob man seit Jahren in einer stillen Parallelwelt arbeitet, in der andere für exakt dieselbe Arbeit deutlich mehr bekommen. Jedenfalls: Was ich dort fand, war der Beginn einer mittelschweren Sinnkrise. Der Entgeltatlas schmiss mir eine Zahl entgegen, die mich kurz schlucken ließ: 4.801 Euro brutto im Monat für einen vollzeitbeschäftigten Redakteur. Um sicherzugehen, dass ich hier nicht irgendwelchen Trotteln auf den Leim gegangen bin, tippte ich meinen Beruf direkt noch bei den üblichen Verdächtigen der digitalen Jobwelt ein. Und genau dort verwandelte sich meine kleine Gehaltsrecherche in einen statistischen Fiebertraum.

Während Kununu mir für den gleichen Job einen Schnitt von 3.950 Euro anzeigte, speiste mich Stepstone mit mageren 3.170 Euro ab. Eine Differenz von weit über 1.600 Euro zwischen der staatlichen Datenbank und einer privaten Jobbörse. In diesem Moment fühlte sich meine Gehaltsrecherche weniger wie Journalismus an und mehr wie der Versuch, mit drei verschiedenen Wetter-Apps herauszufinden, ob draußen gerade die Sonne scheint. Wie kann es sein, dass drei Plattformen, die angeblich dieselbe Realität abbilden wollen, so meilenweit auseinanderliegen?

Das große Gehalts-Chaos: drei Plattformen, drei Zahlen, drei Realitäten

Ich fing an zu graben und merkte schnell, dass man bei diesem Zahlen-Dickicht Messer mit Macheten vergleicht. Die immensen Abweichungen lassen sich im Wesentlichen auf drei fundamentale Faktoren zurückführen. Erstens: die Datenbasis. Der Entgeltatlas der Arbeitsagentur lügt nicht, denn er kann es gar nicht. Die Zahlen dort basieren auf der ungeschönten Realität der Sozialversicherung. Jeder Arbeitgeber in Deutschland ist gesetzlich verpflichtet, die exakten Gehälter aller sozialversicherungspflichtig Angestellten an die Rentenversicherung zu melden. Nicht ungefähr, nicht geschätzt, sondern exakt. Da fließen die hochbezahlten Altverträge und Tarife der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten wie ARD und ZDF sowie der großen, traditionsreichen Medienhäuser voll mit ein – und zwar strikt hochgerechnet auf Vollzeit.

Einmal Minister sein: 4 Jahre arbeiten, 5.000 Euro Rente

Diesen Zwang zur Wahrheit haben Kununu und Stepstone hingegen nicht. Sie betreiben vielmehr klassisches Crowdsourcing. Hier füttern Nutzer die Datenbanken völlig freiwillig und anonym. Kein Mensch prüft, ob die Zahl auf dem digitalen Gehaltszettel am Ende der Realität entspricht oder ob jemand aus Versehen sein Teilzeitgehalt eingetragen hat. Das ist nicht komplett wertlos, aber es ist eben eine andere Art von Datenerhebung.

Redakteur klingt eindeutig, ist es aber nicht

Hinzu kommt: Redakteur ist in Deutschland kein geschützter Begriff. Jeder, der unfallfrei drei Sätze tippen kann, darf sich theoretisch so nennen. Das führt bei den Algorithmen zu massiven Verzerrungen. Der Entgeltatlas sortiert knallhart nach dem Anforderungsniveau „Spezialist“ oder „Experte“. Er erfasst den klassischen, tief ausgebildeten Redakteur, der oft ein Volontariat durchlaufen hat und feste journalistische Arbeit leistet. Bei Kununu und Stepstone wandert dagegen alles in einen großen, unübersichtlichen Topf, was irgendwie mit Text zu tun hat.

Da sitzt der hochbezahlte beschlipste Senior-Redakteur aus der DAX-Konzernkommunikation direkt neben dem Junior-Online-Redakteur, dem Social-Media-Manager oder dem SEO-Texter einer kleinen Digitalagentur, die oft für einen Bruchteil des Geldes arbeiten. Das Ergebnis: ein Durchschnitt, der sich eigentlich aus völlig unterschiedlichen Jobs zusammensetzt.

Zudem bilden die Portale schlicht unterschiedliche Phasen des Berufslebens ab. Stepstone ist eine Jobbörse. Wer dort sucht und sein Gehalt hinterlegt, steht meist am Anfang seiner Karriere oder will sich aktiv verändern. Ein Redakteur, der seit 15 Jahren fest im Sattel eines tarifgebundenen Verlags sitzt und seine 5.000 Euro nach Hause bringt, verirrt sich selten dorthin. Deshalb sehen wir bei Stepstone vor allem die niedrigeren Einstiegs- und Wechselgehälter. Kununu bildet die goldene Mitte ab: Hier bewerten Angestellte oft im Zuge eines Jobwechsels ihren alten Arbeitgeber – vor allem in der transparenten Digital- und Agenturbranche, während die traditionelle Print-Welt dort kaum stattfindet.

Chef, was ist hier eigentlich los?

Nachdem ich die Zahlen seziert hatte, warf ich einen Blick auf mein eigenes Gehalt. Immerhin: Ich lag so ziemlich in dem Schnitt, den mir Kununu anzeigte. Doch der eigentliche Schlag in die Magengrube wartete nur eine Mausradumdrehung entfernt. Als ich mir die Gehaltskurve nach Berufserfahrung ansah, stellte ich fest, dass ich mit meinen mehr als zehn Jahren im Job laut Durchschnitt eigentlich 10.000 Euro mehr im Jahr verdienen müsste. Zehntausend Kröten! Das ist kein Spaghetti-Eis am Sonntagnachmittag, das ist ein Kleinwagen – jedes Jahr. Mit diesem Puls marschierte ich direkt ins Büro meines Chefs, konfrontierte ihn mit den Daten und fragte geradeaus, wo eigentlich meine 10.000 Euro abgeblieben sind.

Der bremste mich mit der Ruhe eines Mannes, der solche Gespräche im Schlaf führt. Durchschnittswerte seien mit Vorsicht zu genießen. Größe des Arbeitgebers. Branche. Region. Tarifbindung oder nicht. Ein Redakteur im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sei etwas völlig anderes als ein Lokalredakteur bei einem Anzeigenblatt. Gleicher Jobtitel, völlig andere Realität.

Arbeitszeit: Jeden Tag ein bisschen betrogen

Er holte tief Luft und schob direkt das nächste Argument hinterher: die Geografie. Lebenshaltungskosten und das Lohngefüge am Wohn- und Arbeitsort spielten eine massive Rolle. Im ländlichen Raum seien die Gehälter nun mal niedriger – dafür zahle man aber eben auch nicht die astronomischen Mieten einer Metropole. Zum Abschied gab er mir noch einen gut gemeinten Rat mit auf den Weg: Wenn das Unternehmen kein höheres Grundgehalt zahlen kann oder will, solle man über Benefits wie steuerfreie Gutscheine, ein Jobticket, betriebliche Altersvorsorge oder ein Dienstrad nachdenken. Das sei für den Chef leichter zu verschmerzen. Nun, ich betrat sein Büro mit dem Selbstbewusstsein eines Gewerkschaftsführers und verließ es wenig später mit der Erkenntnis, dass Excel-Tabellen und wilde, ungeprüfte Angaben nicht automatisch Gehaltserhöhungen auslösen.

Fahr ich jetzt mit dem Jobrad in die Redaktion?

Am Ende des Tages muss man den Tatsachen ins Auge blicken: Im Rahmen eines normalen, jährlichen Mitarbeitergesprächs – bei dem man exakt denselben Job am selben Schreibtisch weiterreißt wie bisher – ist eine Forderung von 10.000 Euro mehr im Jahr schlicht utopisch. In den meisten Unternehmen sind moderate Anpassungen zwischen 3 und 7 Prozent der Standard. Oder eben ein Drahtesel.

Wer wirklich einen Gehaltssprung von 20 Prozent hinlegen will, der muss seinen eingesessenen Drehstuhl verlassen. Realistisch ist so ein Sprung meistens nur, wenn man sich aus einer ungekündigten Position heraus wegbewirbt und bei einem neuen, idealerweise größeren oder tarifgebundenen Arbeitgeber anheuert. Der Entgeltatlas hat mein Gehalt nicht verändert. Aber er hat etwas viel Gefährlicheres getan: Er hat mir einen Vergleichswert gegeben. Und seitdem ist es deutlich schwieriger geworden, zufrieden zu sein.

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