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Das smarteste Dorf der Welt – unterwegs in Etteln

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Etteln in Ostwestfalen hat weniger als zweitausend Einwohner und galt früher als verstaubt. Heute sagt das niemand mehr. Das smarte Dorf hat Hongkong abgehängt und liegt im globalen Technologiewettbewerb der IEEE auf Platz eins. Eine faszinierende Reise voller digitaler Tatkraft.
Grafische Einblendung des Podcasts „überMORGEN“ mit dem Porträt einer lächelnden, rothaarigen Moderatorin mit Brille links und einem gelben deutschen Ortsschild von Etteln (Gemeinde Borchen, Kreis Paderborn) rechts. Im Hintergrund erstreckt sich eine neblige Landschaft im Morgenlicht, aus der zahlreiche Windkraftanlagen herausragen.
Bildquelle: insidedigital.de

Das Herzstück des neuen Zusammenlebens ist eine eigene Smartphone Anwendung der Firma Crossiety aus der Schweiz. Während viele Apps nach wenigen Tagen ungenutzt auf dem Smartphone verschwinden, nutzen weit mehr als die Hälfte der Bewohner in Etteln diese Anwendung tagtäglich. Ulrich Ahle, einer der Köpfe hinter der Entwicklung, erklärt den durchschlagenden Erfolg ganz pragmatisch. Es hat einfach Vorteile und Nutzen für die Bürgerinnen und Bürger erzielt. Und wenn einem etwas hilft, dann nutzt man es auch.

Auf dem virtuellen Dorfplatz sieht man aktuelle Nachrichten der Gemeinde, einen Veranstaltungskalender und einen Marktplatz für lokale Hilfsgesuche oder Angebote. Am Wochenende die Hecke schneiden und keine Heckenschere parat. Wer kann mir eine leihen. Über die App funktioniert die Nachbarschaftshilfe sofort. Und das erstaunlich friedlich. Weil sich jeder mit seinem Klarnamen anmelden muss, gab es in sechs Jahren Laufzeit noch keinen einzigen Shitstorm. Das ist ein ausgezeichnetes Instrument für die Kommunikation zwischen den Bürgerinnen und Bürgern.

Smarte Bänke und schlaue Bäume

Die Vernetzung zeigt sich an konkreten Stationen im Ort. Am Straßenrand steht eine scheinbar ganz normale grüne Sitzbank. Das Besondere daran ist ein Zahlenfeld wie bei einem Türschloss und eine Plakette mit Namen umliegender Orte von Dörnhagen bis Paderborn. Drückst du den Knopf für dein Ziel, ploppt bei den Einwohnern eine Meldung über die Dorf-App auf. Das Besondere an unserer Bank ist wirklich, dass der Zielort für fünfzehn Minuten auch in unserer Dorf-App erscheint. Wer ohnehin flexibel in die Richtung fährt, sammelt dich einfach ein. Die Technik soll hier nicht erst mal alle umhauen und beeindrucken, sondern den Alltag der Menschen erleichtern und praktisch sein.

Direkt vor der Grundschule steht ein automatisches Bewässerungssystem für Bäume zum Starkregenmanagement. Ein ringförmiger Wasserspeicher fasst tausend Liter und ist über Lora Wan mit dem Internet verbunden. Die Kiste guckt erst in den Wetterbericht. Wenn es heute Nachmittag regnet, dann brauche ich jetzt nicht bewässern. Nur bei Trockenheit befeuchtet eine Pumpe gezielt den Boden. Ergänzt wird die Infrastruktur durch eine offene Paketstation namens Dein Fach, die von allen Paketdienstleistern genutzt werden kann. In Summe ist das sinnvoller, als wenn jeder Paketdienstleister seine eigenen Stationen irgendwo hinstellt.

Vorzeigemodell Etteln?

Als der Gemeinde der finanzielle Eigenanteil für das weiße Fleckenprogramm zu hoch war, drohten die Außenbereiche beim schnellen Internet leer auszugehen. Die Bewohner ließen sich von solchen Herausforderungen nicht von ihren Zielen abhalten. Mitten im Corona Lockdown verlegten fünfundsechzig Bürger im Außenbereich dreißig Kilometer Glasfaser in Eigenleistung. Dreieinhalbtausend Stunden wurde über sechs Monate gebuddelt. Jetzt gibt es Glasfaser bis zur letzten Milchkanne. Für die entlegenen Höfe veränderte das alles. Die automatisierten Fütterungsanlagen der Landwirte erhalten Updates nun bequem per Fernwartung, statt alle drei Monate auf einen Servicetechniker mit Speicherstick zu warten. Zudem konnten Familien im Homeoffice und beim Homeschooling arbeiten, was vorher unmöglich war.

Auf diesem starken Fundament fußt das absolute Highlight. Mithilfe von speziellen Drohnen wurde ein dreidimensionales, digitales Abbild des Dorfes erstellt. In diesem Zwilling kann jeder wie in einem Computerspiel durch Etteln hindurchwandern und verknüpfte Sensordaten in Echtzeit prüfen. Du siehst sofort, wie hoch der Wasserstand im Fluss ist oder wie voll der Altkleidercontainer ist, um unnötige Wege zu sparen. Falls ein Hausbesitzer Sorge um seine Privatsphäre hat, wird das Gebäude in der Ansicht einfach verpixelt.

Das Wunder von den Windrädern und der KI Landarzt

Etteln produziert vierunddreißigmal mehr Strom, als es selbst verbraucht. Vor fünfzehn Jahren verhandelten die Landwirte bei der Bereitstellung von Flächen für Windkraftanlagen eine clevere Klausel in die Verträge. Nicht nur sie selbst sollten profitieren, sondern die gesamte Gemeinschaft. Je mehr Windkraftanlagen gebaut werden, desto günstiger wird der Strom im Ort. Heute sichert ein eigener Stromtarif den Bewohnern satte minus dreißig Prozent unter dem Grundversorgertarif. Als ausgewähltes Energie Real Labor der Deutschen Energie-Agentur nutzen viele Haushalte intelligente Messsysteme und dynamische Strompreise, die je nach Windstärke auf bis zu dreizehneinhalb Cent pro Kilowattstunde sinken und nach oben hin bei dreiundzwanzigeinhalb Cent gekappt sind. Eine App steuert den Ladevorgang von Elektroautos automatisch so, dass nur geladen wird, wenn günstiger Strom da ist. All diese Dynamisierung im Stromnetz geht ohne Digitalisierung nicht.

Sogar der ländliche Ärztemangel wird digital abgefedert. Vor vier Jahren gab der Hausarzt im rüstigen Alter von vierundsiebzig Jahren seine Praxis auf. Da kein Nachfolger zu finden war, eröffnete die Gemeinde eine digitale Arztpraxis in den Räumen. Eine speziell ausgebildete Krankenschwester führt mit digitalen Geräten die Untersuchungen vor Ort durch, eng begleitet von einer künstlichen Intelligenz zur Voranalyse der Befunde. Der Arzt im Nachbarort, zehn Kilometer entfernt, bewertet die Daten und bespricht das Ergebnis im Rahmen einer Videosprechstunde mit dem Patienten. So kommt eine teilärztliche Grundversorgung zurück in die Fläche.

Etteln beweist, dass ehrenamtliches Engagement aus der analogen Welt perfekt in die digitale Welt überführt werden kann. Wenn wir Technologie mit Herz, Verstand und echtem Gemeinschaftssinn einsetzen, machen wir richtig Lust auf morgen. Unser Host Johanna Müssiger hat für die aktuelle Folge von überMORGEN ausführlich mit Ulrich Ahle gesprochen und spannende Insights mitgebracht. Hier geht es direkt zur Folge bei deinem Podcast Anbieter:

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