Propaganda. Wer das Wort benutzt, behauptet: Ein großer Teil der Bevölkerung werde systematisch beeinflusst und merke es nicht. Dann geht es nicht mehr um die Berichterstattung, die etwas nicht zeigt oder jemanden nicht zu Wort kommen lässt. Es ist auch kein unglücklicher O-Ton. Vielmehr sagt man: Die öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten beeinflussen ihre Zuschauer derart, dass diese es irgendwann selbst für ihr eigenes Denken halten.
Tagesschau: Vertrauen und Misstrauen zugleich
Dieser Vorwurf ist heftig. Und genau deshalb sollte er auch gut belegt sein. Ist er aber nicht. Die Daten zeigen ein gänzlich anderes Bild. Laut einer WDR-Erhebung von infratest dimap aus dem Jahr 2025 vertrauen 55 Prozent der Deutschen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. 38 Prozent hingegen nicht. Im Reuters Digital News Report bleibt die Tagesschau die vertrauenswürdigste Nachrichtenmarke des Landes. Ein Land, das sich uneinig ist, das zweifelt und zustimmt und das sich in den Kommentarspalten trotzdem gegenseitig die Welt erklärt.
Doch schauen wir uns die andere Seite an. In der Langzeitstudie Medienvertrauen der Universität Mainz hält rund ein Drittel den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für zu politiknah. Nur etwa 40 Prozent finden die Meinungsvielfalt angemessen. Gehirnwäsche im großen Maßstab sieht anders aus.
Der Beweis, der sich selbst entwertet
Und dann muss man sich ansehen, woher die Propaganda-Rufe kommen. Diejenigen, die am lautesten schreien, zitieren und verweisen auf Nius, Reitschuster oder YouTube. Also auf Angebote, denen in denselben Vertrauensstudien nur ein Bruchteil der Befragten traut. Und genau hier wird das Eis dünn.
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Wenn der Vorwurf lautet: Die öffentlich-rechtlichen Sender seien unglaubwürdig, dann sollten die Belege dafür nicht aus Ecken kommen, die selbst als problematisch gelten. Ansonsten ist das nichts anderes als ein Eigentor. Das macht die Kritik zwar nicht automatisch falsch. Es macht sie aber weniger glaubwürdig.
Der Streit ist längst größer als der Rundfunk
Zwischen all dem Lärm gehen die leiseren Stimmen fast unter. Menschen, die täglich Deutschlandfunk hören. Leute, die Investigativformate mögen. Und Zuschauer, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für teuer halten, aber trotzdem für nützlich.
Wer den Rundfunkbeitrag zahlt, gilt schnell als Systemling. Wer die GEZ-Gebühren verweigert, ist Widerständler. Genau dadurch verschwinden Zwischentöne fast automatisch. Sie sind zu leise für die Empörung und zu umständlich für die Parole.
Und natürlich hilft auch die Sprache selbst beim Sau rauslassen. „Propaganda“ klingt groß. „Systemmedien“ klingt definitiv. „Gehirnwäsche“ klingt nach Totalverlust des eigenen Verstands. Das alles ist emotional, aber analytisch oft faul.
Tagesschau und Co.: Sind ARD und ZDF Propaganda? Das Urteil
Propaganda im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist im Sinne methodischer Massenmanipulation nicht belegbar. Die verfügbaren Daten sprechen dagegen. Es gibt Misstrauen und politische Schlagseiten, es gibt berechtigte Kritik an Nähe, Auswahl und Struktur. Aber der Sprung von „nicht perfekt“ zu „Propagandamaschine“ ist unmöglich und die Landung gelingt meist nur im Kopf des Kritikers. Wer den ÖRR als Propaganda verkauft, arbeitet oft mit Quellen, die selbst nicht gerade nach journalistischem Feinschliff riechen. Der Vorwurf frisst am Ende seine eigene Glaubwürdigkeit.
➡️ Das war einer von fünf Vorwürfen. Im großen Faktencheck haben wir über 550 GEZ-Kommentare sortiert – Einseitigkeit, Staatsnähe, Knast-Mythos und Propaganda inklusive: ARD und ZDF unter Beschuss: Wo die GEZ-Kritiker recht haben. Und wo nicht.
