Es gibt Geräte, die stellt man auf, verbindet sie mit dem WLAN und vergisst sie danach einfach wieder, weil sie ihren Job tun. Und dann gibt es Geräte wie den WiiM Sound. Der steht plötzlich im Wohnzimmer wie ein Designobjekt, zieht Blicke an und sorgt dafür, dass man abends nur kurz ein Lied hören will. Eine Stunde später sitzt man immer noch auf dem Sofa und ist überrascht, dass das Album zu Ende ist.
WiiM ist in den vergangenen Jahren vom Geheimtipp zur festen Größe der HiFi-Szene geworden. Angefangen hat der amerikanische Hersteller mit Streaming-Lösungen und dem überraschend guten kleinen Vollverstärker WiiM Amp. Seitdem schlägt jede neue Ankündigung des Unternehmens ein. Mit dem WiiM Sound versuchen sich die Amerikaner an etwas deutlich Alltäglicherem: einem smarten Lautsprecher für Menschen, die Musik nicht bloß nebenbei laufen lassen wollen.
Wiim Sound
Der WiiM Sound sieht nicht aus wie Technik, die man verstecken muss. Der kompakte Zylinder mit seiner Stoffbespannung wirkt modern, aber zugleich auch zeitlos. Kein aggressives Design, kein Kokolores. Stattdessen dieses wunderbar runde Display auf der Vorderseite. Erst dachte ich: nette Spielerei. Doch nach ein paar Songs war ich begeistert.
Wenn Musik läuft, erscheint dort das Albumcover. Bei Radiosendern das jeweilige Senderlogo. Mal zeigt der Lautsprecher ein VU-Meter, mal eine Uhr. Es klingt banal, macht aber erstaunlich viel Atmosphäre. Gerade abends, wenn gedimmtes Licht im Raum steht und plötzlich das Cover von Craneiums Unknown Hights auf dem kleinen Kreisdisplay leuchtet, bekommt Musik wieder etwas Feierliches.
Tasten leuchten auf, wie von Zauberhand
Die Einrichtung? Erfrischend unspektakulär. Kabel rein, App öffnen, WLAN auswählen, kurzes Update – fertig. Kein Gefummel, keine Passwort-Orgie, kein Technikfrust. Genauso muss das 2026 aussehen. Überhaupt ist die WiiM-App ein Paradebeispiel dafür, wie Software heute funktionieren sollte: übersichtlich, schnell und ohne diesen typischen Smart-Home-Wahnsinn, bei dem man sich durch zwölf Untermenüs kämpfen muss. Spotify Connect starten, Radiosender auswählen oder eine Playlist starten: Alles passiert praktisch verzögerungsfrei.
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Besonders gelungen ist die Bedienung direkt am Gerät. Oben sitzt ein minimalistisches Touchfeld. Lauter, leiser, nächster Song, zurück sowie Play und Pause. Mehr braucht kein Mensch. Der eigentliche Clou: Die Tasten leuchten nicht dauerhaft. Erst wenn eine Hand darüber schwebt, erwacht das Bedienfeld zum Leben. Ein kleines Detail, das den Lautsprecher deutlich hochwertiger wirken lässt.
Fast noch besser ist allerdings die Fernbedienung. Und ja: Eine gute Fernbedienung ist 2026 leider schon etwas Besonderes. WiiM reduziert auch hier alles auf das Wesentliche. Die Druckpunkte sind präzise, das haptische Feedback hervorragend. Jeder Tastendruck quittiert ein sattes, befriedigendes Klick-Geräusch. Kein labberiges Plastik, sondern hochwertiges Aluminium. Man merkt sofort: Hier hat jemand tatsächlich darüber nachgedacht, wie Menschen Technik benutzen.
Praktisch sind die vier Schnellwahltasten. Dort lassen sich Radiosender oder Spotify-Playlists hinterlegen. Taste drücken – Musik läuft. Kein Smartphone suchen, keine App öffnen. Gerade morgens mit Kaffee in der Hand ist das erstaunlich angenehm.
Klang mit Raumeinmessung
Klanglich macht der WiiM Sound genau das, was viele Smart Speaker nicht schaffen: Er klingt erwachsen. Statt künstlich aufgeblasenem Partybass liefert der Lautsprecher ein volles, ausgewogenes Klangbild mit ordentlich Druck, wenn man ihn fordert.
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Bei „Red“ von Chevelle schiebt der Bass angenehm brutal nach vorne, ohne dass Gitarren und Stimmen untergehen. Monster Magnets „King Of Mars“ erwacht langsam zum Leben und schlägt dann voll ein. Der WiiM Sound gibt dem Song genau den dreckigen, schweren Groove, den er braucht. Gleichzeitig spielt der Lautsprecher aber auch filigran genug für ruhige Stücke von Estas Tonne, die schwebenden Klangflächen von Air oder Cigarettes After Sex. Der WiiM kommt mit jeder Musikrichtung klar, ohne sich dabei aufzudrängen.
Richtig interessant wird es mit der sogenannten RoomFit-Funktion. Dahinter steckt eine automatische Raumeinmessung. Der Lautsprecher analysiert den Raum und passt den Klang entsprechend an. Das klingt zunächst nach klassischem Marketingzauber, funktioniert in der Praxis aber erstaunlich gut.
Die Veränderung ist nicht brachial, eher subtil. Aber hörbar. Ohne RoomFit klingt der Lautsprecher bereits ordentlich. Mit aktivierter Einmessung wirkt alles etwas voller, runder und kontrollierter. Vor allem im Bassbereich gewinnt der WiiM spürbar an Präzision.
Wiim Sound im Test: Das Fazit
Und Bass kann dieses Ding wirklich. Dafür sorgt unter anderem ein 4-Zoll-Tieftöner mit Papiermembran, unterstützt von zwei Hochtönern mit Seidenkalotten. Insgesamt stehen 100 Watt Leistung zur Verfügung. Technische Daten, die erstmal trocken klingen, bis man den Lautsprecher aufdreht. Dann liefert der kompakte Zylinder plötzlich erstaunlich viel Wumms. Nicht unangenehm übertrieben, sondern eher wie eine kleine, ernstzunehmende Stereoanlage.
Wer sich zwei WiiM Sound ins Wohnzimmer stellt und sie miteinander verbindet, braucht im Grunde keine klassische Musikanlage mehr. Die Lautsprecher lassen sich mit einem Fingertipp als Stereo-Paar koppeln. Nicht falsch verstehen: Der WiiM Sound kommt gegen eine HiFi-Anlage mit deutlich größeren Lautsprechern nicht an. Dafür fehlt ihm einfach das Volumen. Aber in den meisten Wohnzimmern dürfte er trotzdem für große Augen und offene Münder sorgen. Und er hat mehrere Vorteile gegenüber einer kompakten Anlage: weniger Kabel, mehr Schnittstellen, kleiner, mobiler …
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Auch die Anschlussvielfalt überzeugt. Musik kommt per WLAN, Bluetooth oder klassisch über AUX hinein. Tatsächlich hing zeitweise sogar ein alter CD-Player am WiiM Sound. Funktioniert problemlos. Gerade das macht den Lautsprecher sympathisch: Er will nicht ausschließlich futuristisches Streaming-Gadget sein, sondern einfach Musik abspielen, egal woher sie kommt.
Natürlich gibt es kleinere Schwächen. Apple-Nutzer dürften AirPlay 2 vermissen. Und wer knallharte High-End-Analysen betreibt, findet sicher irgendwo feinere Details oder noch neutralere Lautsprecher. Aber darum geht es hier nicht. Es geht um Musik mit fantastischem Klang, ein Konzept, das vollends überzeugt, und das für 350 Euro.
