E-Scooter-Test: Der Rowdy, der Cruiser und der Vernünftige

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E-Scooter gibt es mittlerweile in vielen Städten zur Miete. Einige Hersteller balgen um die Kundschaft und bieten augenscheinlich das Gleiche. Doch der Schein trügt und die Fahrzeuge wie auch die Angebote unterscheiden sich zum Teil deutlich. Im Test im Großstadtdschungel von Köln stellen sich Bird, Lime, Circ und Tier. Dabei zeigt sich, welcher Anbieter zu welchem Nutzer passt.

E-Scooter sind erst seit einigen Monaten auf deutschen Radwegen und Straßen zugelassen und der Hype ist ungebrochen. Anbieter der elektrischen Roller gibt es einige. Ob zum Kaufen, kurzfristigem oder langfristigem Leihen; für jedes Szenario gibt es mittlerweile Spezialisten. Die häufigste Form ist jedoch das Leihen eines der vielen E-Scooter in den Ballungsräumen der Republik. In Köln sind es dabei gleich vier Anbieter, die alle ihre Vor- und Nachteile haben.

E-Scooter im Test: Die Anbieter in Köln

In der Teststadt Köln sind die Anbieter Circ, Lime, Bird und Tier aktiv. Der neuste im Bunde ist Bird. Er startete erst vor wenigen Wochen in der Rheinmetropole. Der Test zeigt, für welchen Nutzer welcher Anbieter am besten Passt. Dabei fließen Preise, Ausstattung, Sicherheit und Fahrverhalten der Flotte und die Verfügbarkeit mit in die Bewertung ein.

Der Testzeitraum startete an einem Donnerstag früh um 8 Uhr am Hauptbahnhof Kölns, führte über den Mediapark bis hin zum Bahnhof Ehrenfeld. Ein Umkreis also, der fast alle Einsatzgebiete von der engen inneren Stadt bis zu den Außenbezirken abdeckt. Der Test wurde in die typische morgendliche Pendlerzeit gelegt. Hier sollen die E-Scooter laut Anbieter auftrumpfen. Die letzte Meile, also der Weg von Parkplätzen oder Bahnhöfen zu den Arbeitsstätten, ist meist das Haupteinsatzgebiet der E-Scooter.

Circ, Lime, Tier und Bird im Test: Die Apps und Zahlungsmodalitäten

Screenshot der App des Anbieters Lime: Vorauszahlen möglich
App des Anbieters Lime: Vorauszahlen möglichQuelle: Michael Büttner

Die Apps der vier Anbieter sind sehr ähnlich aufgebaut. Sie sind für Android- wie auch iOS-Geräte verfügbar. Die vier Anbieter landeten im Test auf einem Apple iPhone XS. Die Einrichtung läuft jedoch bei beiden Betriebssystemen flüssig. Die Verifizierung des Nutzers läuft bei Lime, Circ und Tier über die Telefonnummer des Smartphones. Eine sechs-, beziehungsweise vierstelliger Code wird dazu per SMS auf das Handy geschickt und in die App übertragen. Bird hat sich eine E-Mail-Verifikation ausgedacht. Sie lief jedoch, wie die SMS-Verifikationen der anderen Hersteller, schnell und unkompliziert ab.

Die Zahlungsmethoden sind bei allen Apps gleich: Es kann per Kreditkarte oder Paypal bezahlt werden. Sofortüberweisung oder andere Zahlungsmethoden werden dagegen nicht akzeptiert. Bei Bird und Tier sind die Zahlungsmodalitäten schnell erklärt. Nutzer zahlen pro Fahrt. Bei Lime und Circ gibt es zusätzliche Optionen. Ersterer bietet neben einem direkten Bezahlen auch eine Pre-Paid-Option. So kann man sich 5, 10 oder 20 Euro auf den Account laden und das Geld ohne lästiges Zwischenüberweisungen verfahren. Um die Kontrolle über die verbrauchten Minuten zu behalten, sollte man die automatische Nachbuchung deaktivieren. Sie bucht automatisch weiteres Geld auf den Account, sobald das Depot leer ist. Bei Circ gibt es ebenfalls eine Spezialität. Nutzer können Stundensätze buchen und so Geld sparen. Dabei werden eine Stunde für 6, zwei Stunden für 9 oder 24 Stunden für 20 Euro angeboten.

Bereit zum Fahren? Nicht ganz! Die Verfügbarkeit im Test

App des Anbieters Tier: Verbreitung in Köln
App des Anbieters Tier: Verbreitung in KölnQuelle: Michael Büttner

Vier Anbieter stehen bereit. Doch wie steht es um die Verfügbarkeit? E-Scooter sollten dort herumstehen, wo man sie braucht, sollten möglichst frisch geladen sein und einen dorthin bringen, wo man will. Doch hier tun sich große Unterschiede besonders bei der Pflege der Flotte und dem Nutzungsgebiet auf. Schlusslicht ist hier Bird. Der Anbieter bietet das kleinste Gebiet und die wenigsten E-Scooter.

Dazu sind im Test zum Start in den Tag nur wenige Scooter komplett geladen. Die meisten elektrischen Roller besitzen im Testzeitraum unter 50 Prozent Ladung. Die drei Anbieter Lime, Circ und Tier schneiden hier viel besser ab. Ihre Roller sind zum überwiegenden Teil frisch geladen und stehen in ausreichender Anzahl zur Verfügung. Circ fällt jedoch beim Gebiet hinter den beiden Anbietern Lime und Tier zurück. Mit ihnen kann man auch weit außerhalb der inneren Stadt fahren.

Screenshot des Anbieters Circ: Ausbreitung in Köln
Anbieters Circ: Ausbreitung in KölnQuelle: Michael Büttner

Wenn nur wenige Modelle in der Nähe sind, ist eine Reservierung vorteilhaft. Dann kann kein anderer Fahrer einem den Scooter vor der Nase wegschnappen und der Weg zum elektrischen Tretroller ist entspannter. Lime und Bird bieten eine solche Reservierung. Bei Circ und Tier muss der Nutzer hoffen, dass der Scooter noch da ist, solange man sich auf dem Weg befindet.

E-Scooter-Test: Das taugt die Hardware von Lime, Circ, Tier und Bird

Die E-Scooter im Test werden auf ihren Zustand, dem Fahrgefühl, der Leistung und der Sicherheit abgeklopft. Die Ausstattung ist zudem ein Kriterium, das in die Wertung einfließt.

Bird – Puristisch, schnell und hart

Birds E-Scooter sieht nicht nur am modernsten von allen Probanden aus, er ist auch der leichteste der vier Modelle. Das macht ihn nicht nur zum schicken Begleiter für Anzugträger und Hipster, sondern auch zu einem der schnellsten Scooter in Köln. Der Antritt ist amtlich, jedoch fährt er eher bei der Beschleunigung bis zur Maximalgeschwindigkeit einen Vorsprung heraus. Hier macht sich das geringe Gewicht positiv bemerkbar.

Doch das hat auch seine Schattenseiten. Der Scooter von Bird besitzt keine Federung und ist damit auf Kopfsteinpflaster oder über Bürgersteige der unkomfortabelste Roller. Die Räder sind zudem kleiner als bei der Konkurrenz und so fährt er sich zwar wendiger, aber auch weniger stabil auf der Geraden. Zur Gewichtsreduktion trägt auch der Verzicht auf Gimmicks bei. Eine Halterung fürs Handy oder die Getränkeflasche fehlt und auch sonst ist der Bird wenig auffällig. Das liegt auch an der Farben. Er ist der einzige im Test, der nicht auf schreiende Lackierung baut. Somit ist er zwar eleganter, aber auch schwerer zwischen Fahrrädern und Co. zu finden.

Die getrennt voneinander mit Handhebeln betätigten Bremsen reduzieren die Geschwindigkeit einzeln eher müde. Greift man bei beiden Hebeln kräftig zu, verzögert der Bird-Scooter jedoch akzeptabel. Ein Rücklicht hilft, im Dunkeln erkannt zu werden.

Lime – Schwerer Cruiser mit Rücktritt

Der Lime-Scooter ist groß, schwer und nach dem kräftigen Antritt bei der Beschleunigung etwas behäbig. Das große Gewicht macht ihm zu schaffen. Er ist eher der Cruiser unter den E-Scootern. Dafür ist er aber auch leicht zu fahren, sehr stabil beim Geradeauslauf,eignet er sich gut für Einsteiger. Mobil ist er wegen des hohen Gewichts nicht sonderlich – auch wenn ein Tragegriff die Handhabung bei Treppen etwas erleichtert.

In Sachen Sicherheit bietet er ein Rücklicht und eine zurückhaltende Bremse. Der Hebel aktiviert die Vorderbremse. Hinten wird per Fußtritt auf die Bremsfläche über dem Rad mechanisch gebremst. Daran muss man sich gewöhnen, doch dann funktioniert das System gut. Die Handkraft zum Betätigen der Vorderradbremse ist jedoch nicht zu unterschätzen. Hier kann man also beherzt ankern, ohne gleich über den Lenker zu fallen.

Rücktrittbremse von Limes E-Scooter
Rücktrittbremse von Limes E-ScooterQuelle: Blasius Kawalkowski

Wer sich für die Geschwindigkeit und den Akkustand interessiert, ist beim Lime-Scooter am besten aufgehoben. Ein Display informiert über beide Parameter. Es ist dabei ein ganzes Stück größer als das des Tier-Scooters. Bird und Circ verzichten komplett auf ein Display am Roller.

Circ – Giftzwerg mit Extras

Der E-Scooter von Circ ist als einziger mit einer Handyhalterung ausgestattet. Das ist umso erfreulicher, als dass man bei den anderen Modellen auch keinen nachrüsten kann. Will man also eine fremde Stadt erkunden und braucht dabei Navigationsunterstützung, ist der Circ die beste Wahl. Dazu besitzt er einen Becherhalter. Er ist ein nettes Gimmick, jedoch ist das Trinken während der Fahrt nicht empfehlenswert. Zwei Hände am Lenker sind bei allen Modellen Pflicht, um nicht ins Schlingern zu geraten. An der roten Ampel jedoch kann man einen großen Schluck zu sich nehmen.

E-Scooter von Circ

Die Ausstattung des Circ-Scooters ist jedoch nicht durchgehend lobenswert. So fehlt ein Rücklicht und er ist der einzige Roller ohne Hinterradbremse. Was jedoch hinten an Bremsleistung fehlt, macht die giftig zupackende vordere Bremse wett. Sie ist nichts für Anfänger und sollte mit Bedacht eingesetzt werden. Gleich zwei Bremshebel leiten die Verzögerung ein. Sie kommt schnell und mit wenig Handkraft an. Die Verzögerung ist exzellent und man kommt – im Vergleich zu allen anderen Anbietern – am schnellsten zum Stehen.

Die Fahrleistungen des Circ-Rollers können sich sehen lassen. Der Antritt ist kräftig und man fährt dem Lime- und Tier-Konkurrenten auf den ersten Metern davon. Dazu zieht der Circ-Roller bis zur Höchstgeschwindigkeit ordentlich durch, womit man sich hier mit dem Bird-Scooter um die Führung zankt.

Tier – Vernünftige Spaßmaschine

Das Thema Bremsen steht auch beim Tier-Scooter im Mittelpunkt. Sie werden vorne und hinten einzeln per Handhebel bedient und können zusammen solide verzögern. Der Spaß fängt hier auf nicht öffentlichem Gelände an. Dann nämlich kann die hintere Bremse zum Sliden genutzt werden. Wie mit dem Fahrrad gelernt stellt man sich mit dem Tier-Scooter beim Bremsen locker quer und hat so mächtig Spaß. Die Bremse des Bird-Modells hätte wegen der gleichen Bauform ähnliches Potenzial, jedoch packt sie nicht so stark zu und es ist weit schwerer sich „querzustellen“.

 

Der Rest des Tier-Scooters ist unauffällig. Ein kleines Display informiert über die Geschwindigkeit und verhindert eine Handyhalterung. Ein Rücklicht sichert bei Dunkelheit die Aufmerksamkeit der Autos und Fahrräder.

Die Beschleunigung passt nicht ganz zum Bremsenspaß. Der E-Scooter von Tier beschleunigt vergleichsweise behäbig, zieht aber solide durch. Ein Beschleunigungsspektakel bietet er also nicht.

Preise von E-Scooter im Vergleich

Die Preisspanne ist auf die Minute gerechnet enorm. So gibt es die Minute E-Scooter im günstigsten Angebot rein rechnerisch schon ab 1,4 Cent. Doch auch in die andere Richtung geht es weit. Die teuerste Minute beträgt satte 1,20 Euro. Das kommt daher, dass Nutzer bei Circ einen Tagespass kaufen können und sich für 20 Euro einen Scooter komplett sichern. Damit reduziert sich der Minutenpreis gewaltig. Ob es sich lohnt, einen Leihroller für den ganzen Tag zu buchen steht dabei auf einem anderen Zettel. Die Abstufung von 1, 2 und 24 Stunden ist grob und wohl nur selten sinnvoll. Für das Erkunden einer fremden Stadt lohnt sich am ehesten ein Zweistundenpass für 9 Euro. Wer nur kurze Strecken zurücklegen will, sollte sich zweimal überlegen einen E-Scooter zu nutzen. Die Antrittsgebühr von 1 Euro schraubt den Preis pro Minute bei einer 5-Minuten-Fahrt von beispielsweise 15 auf 35 Cent hoch.

Tier und Circ kosten in Köln pro Minute 15, Lime und Bird 20 Cent. Die Startgebühr ist bei allen Anbietern gleich. Doch Vorsicht: Die Preise schwanken von Stadt zu Stadt und werden auch ab und an angepasst.

E-Scooter von Bird, Circ und Tier vor einer bunten Wand in Köln
E-Scooter von Bird, Circ und Tier

In Köln ist die Preislage klar: Wer länger unterwegs sein will, sollte preislich zu Circs Stundenpässen greifen. Dazu ist Circ und Tier auch bei herkömmlichem Einsatz am günstigsten. Lime und Bird greifen tiefer in die Tasche. Und im Falle von Lime auch automatisch. Der Reload lohnt sich jedoch bei täglichem Einsatz und vielen kurzen Fahrten. Dann spart man sich einige Einträge auf dem Paypal oder Kreditkarten-Konto.

Wer für Was und welcher E-Scooter für Wen?

Welcher E-Scooter-Anbieter ist nun der Beste? Eine pauschale Antwort darauf ist nicht möglich. Es kommt nämlich auf das Szenario an.

Anfänger – erstmal langsam

Neu auf dem E-Scooter? Wenn ja, dann sind das Bremsbiest von Circ und der Beschleunigungs-Champ und Federverweigerer von Bird nicht das Richtige. Die beiden Scooter von Tier und Lime dagegen bieten alles, was ein Anfänger braucht. Simple Handhabung, berechenbares Fahrverhalten und eine gute Erreichbarkeit.

Schnell erreichbar

Du willst nur eine App auf das Handy laden anstatt vier? Dann sollte es die von Lime, Tier oder Circ sein. Sie bieten eine solide Anzahl an Scootern und alle Fahrzeuge waren im Test fast vollständig geladen. Wer sich auf die App von Bird verlässt, sollte mit längeren Gehzeiten und weniger vollen Akkus rechnen.

Mobil und schnell

Du willst die maximale Mobilität und dabei auf Geschwindigkeit nicht verzichten? Dann ist Bird die richtige Wahl. Der E-Scooter ist leicht und damit nicht nur schnell, sondern auch einfach zu tragen. Braucht es beispielsweise beim Scooter von Lime schon einen eingebauten Tragegriff, um ihn ein paar Treppen hinabzubefördern, ist es ein leichtes, den Bird-Scooter über solche Hindernisse zu bugsieren.

Preis-Leistung

Bei den Preisen sollte man sich an die beiden günstigen Anbieter halten. Die Leistungen sind vergleichbar und damit kann man es sich aussuchen, ob es das Angebot von Tier oder Circ sein soll. Wer vorhat länger herumzukurven und die Stadt per E-Scooter zu entdecken, der sollte jedoch zu den Stundentarifen von Circ greifen. Hier gibt es den günstigsten Preis mit 6 Euro für eine beziehungsweise 9 Euro für zwei Stunden.

E-Scooter-Test: Das Fazit

Die E-Scooter-Anbieter zeigen allesamt eine solide Leistungen. Die Apps sind fast gleich und die Hardware grundsätzlich bei allen brauchbar. Schnell und schick geht es mit Bird zur Sache. Wer lieber gediegen unterwegs sein will, nutzt Lime. Circ bietet als einziger ein Stundenpaket und die besten Bremsen. Wer einen vernünftigen Allrounder mit Spaßfaktor braucht, ist bei Tier gut aufgehoben.

Eine große Schwäche der E-Scooter insgesamt ist, dass es keine Möglichkeit gibt durch Blinken die Richtung anzuzeigen, in die man fahren möchte. Nimmt man die Hand vom Lenker wie beim Fahrrad wird die Fahrt schnell extrem instabil. Der Fuß ist also das einzige Instrument um zu Signalisieren, ob man abbiegen möchte oder nicht. Das kann jedoch auch schnell missverstanden werden. Zu guter letzt ist es ratsam immer einen Helm zu tragen. Er vermindert das Risiko von Kopfverletzungen deutlich.

Bildquellen:

  • App des Anbieters Lime: Vorauszahlen möglich: Michael Büttner
  • App des Anbieters Tier: Verbreitung in Köln: Michael Büttner
  • Anbieters Circ: Ausbreitung in Köln: Michael Büttner
  • Rücktrittbremse von Limes E-Scooter: Blasius Kawalkowski
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