Hinter den Kulissen von Wiko: Der französische Smartphone-Rebell

6 Minuten
Der französische Hersteller Wiko gibt sich oft unkonventionell. Poppige Farben, eine ungezählte Modellvielfalt vor allem unterhalb von 200 Euro und der Fokus auf junge Verbraucher. Das ist das Rezept Wikos. Hinter den Kulissen des Popcorn-Images steht jedoch ein ernsthaftes Business. Wie es dort zugeht und was Wiko in der Zukunft vorhat, haben die Franzosen in Marseille verraten.
Hüllendesign auf einem Computer im Wiko-Headquarter
Entwicklung des Hüllendesigns im Wiko-HeadquarterBildquelle:

Im sonnigen Süden Frankreichs residiert Wiko. Die Franzosen haben sich in einem der Brennpunkte der jüngeren französischen Geschichte niedergelassen. Die Millionenstadt Marseille ist die älteste Stadt Frankreichs und gleichzeitig ein Schmelztiegel der Nationalitäten. Einflüsse aus dem nahen Osten und dem Maghreb sind nicht zu übersehen. Doch auch 300 Sonnentage im Jahr und ein bunter Mix aus alten, neuen, schillernden und traditionellen Bauelementen drängen sich in die Hügellandschaft am Meer. Die Stadt und ihre Einwohner wirken dabei bei weitem weniger traditionsbewusst wie beispielsweise das stolze Paris.

Gerade das passt jedoch ganz gut zu Wiko. Der Smartphone-Aufsteiger war keiner der ersten europäischen Handy-Hersteller und hat das Massensterben eben dieser entsprechend nicht mitgemacht. Während Siemens, Sagem oder zeitweise auch Nokia und Alcatel völlig von der Bildfläche verschwanden, entstand eine zweite Generation. Wiko, gegründet 2011, gehört dazu wie auch BQ aus Spanien. Dass die Madrilenen mittlerweile mit einem Investor aus Vietnam verbandelt sind und auch Wiko nicht ganz eigenständig die europäische Fahne in den Smartphone-Himmel hebt, kann ein Zeichen des zweiten Sterbens sein. Oder eben auch eines der Globalisierung.

Wie arbeitet Wiko und was wird wirklich in Europa gemacht?

Am Standort Marseille arbeiten laut Wiko 200 Menschen – die „Wiko-Boys and -Girls“, wie Franko Fischer, Marketing Director von Wiko, sie nennt. Im Herzen der Stadt und im obersten Geschoss mit Dachschrägen und einer kleinen Dachterrasse sitzen die Abteilungen Marketing, Design, Produkt und Entwicklung. Hier liegt ein wenig „Start-Up-Feeling“ in der Luft. Die Räume sind offen und die Abteilungen gruppiert, jedoch nicht getrennt. Und trotzdem befindet man sich hier im „Global Headquarter, wo alle Stricke zusammenlaufen“, so Fischer.

Design und Produkt – Florale Muster und die drei Augen

Das Design der Smartphones, aber auch des Zubehörs und der Verpackung werden in der buntesten Abteilung festgelegt. Inmitten von bunten Wänden, Nerf-Gewehren und Plüschherzchen werden unter anderem neue Farb-(Muster) und Materialien ausprobiert und in Prototypen gesteckt. Dabei lässt man sich beispielsweise von Modetrends inspirieren. Doch auch Skizzen von Manga-Figuren stehen für beispielsweise die Anordnung der Kamera Pate. So entstehen Stoff-Rückseiten oder florale Muster auf Smartphones. So entstehen aber auch Elemente wie die Triple-Kamera des Wiko View 3 Pro oder das Zubehör wie Bluetooth-Lautsprecher oder Handyhüllen.

Comic-Zeichnungen im Wiko Headquarter
Designabteilung des Wiko Headquarters: Drei Augen

Die Produkt-Abteilung ist hier direkt angeschlossen und vermählt die Design-Ideen und erste Hardware zu Prototypen und macht so aus Entwürfen handfeste Geräte. Sie landen jedoch zumeist nicht auf dem Markt. Man test, ob und welche Produkte, Designs und Ideen auf welchen Märkten angenommen werden, bevor sie in die Massenproduktion gehen. Auch die Materialauswahl wird hier in Angriff genommen. Das endet jedoch nicht auf der Außenhaut des Handys, sondern bei Rahmen, Bohrungen und dem Zusammenwirken der einzelnen Komponenten.

verschiedene Materialien von Smartphone-Prototyp
Produkt-Entwicklung im Wiko Headquarter: Prototyp-Materialien

Entwicklung ohne Hardware

Etwas nüchterner aber leicht chaotisch wirken Kabelgewirr, die offenen Platinen und die Foto-Testwand in der Entwicklungsabteilung. Sie teilt sich in drei Gruppen auf, die sich um die Software, die länderspezifischen Anpassungen und die Produktvalidierung kümmern. Technische Hardware wird hier allerdings nicht entwickelt. Dabei zeigt sich, dass Wiko eben keiner der ganz großen Hersteller ist, der eigene Displays, Speicher- oder Prozessor-Chips sowie Akkus entwickeln kann. Wiko testet in Frankreich und China die produzierten Smartphones auf ihre Qualität und Standhaftigkeit. Akku-Testroboter durchlaufen beispielsweise typische Tagesabläufe von Handys immer wieder und zeigen so, wie lange View 3 und Co. durchhalten.

Akkutest im Wiko-Hauptsitz
Akkutest im Wiko-Hauptsitz

Die Abstimmung der Smartphones auf die einzelnen Märkte wird nicht in Marseille erledigt. Hier sitzen die Technical Account Manager in den einzelnen Ländern und sorgen dafür, dass bestimmte Normen und Standards eingehalten und Zertifizierung eingeholt werden.

Software-Entwicklung für Triple-Kamera und Gesichtserkennung

Viel mehr Einfluss auf die Smartphones besitzt die Entwicklungsabteilung rund um die Software der Wiko-Smartphones. Hier hebt Wiko neue Apps aus der Taufe und pflegt bestehende Programme und Anwendungen. Aclam Beaujeun, Projektmanager erklärt: „Anwendungen, die Google nicht bietet, entwickeln wir selbst. Bei vielen Apps können wir jedoch nicht mit der Entwicklung Googles mithalten.“ Trotzdem ist einiges an Arbeit für die kleine Truppe zu tun: Wiko passte beispielsweise die Kamera-App des Wiko View 3 und des Wiko View 3 Pro auf die Triple-Kamera an. „Das verschlang ein halbes Jahr Entwicklungszeit“, so Beaujeun. Eine AI-Unterstützung sei ebenfalls gerade in der Entwicklung. Bei Objekterkennung baue man jedoch auf Google Lens.

Wiko entwickelt hier nicht nur Apps und nette Optionen für die Benutzeroberfläche von Android, sondern beispielsweise auch die Software von Zubehör oder Funktionen, die Google noch nicht nativ in Android untergebracht hat. Die Wischgesten bei Fitnesstrackern und die Gesichtserkennung über die Frontkamera der neuen Smartphones nennt Beaujeun als Beispiele.

Aclam Beaujeun erklärt die Software-Entwicklung im Wiko Headquarter
Software-Entwicklung im Wiko Headquarter: Aclam Beaujeun erklärt die Entwicklung von Swipe-Gesten

Update-Garantie und ein neues System

Das Thema System-Updates steht hier ebenfalls im Raum. Diese seien teuer und zeitaufwendig. Man arbeite aber mit Google zusammen, um eine neue Methode für die Bereitstellung von Updates zu forcieren. Ein zweites Projekt Treble steht also ins Haus. Es soll ein Hauptproblem von System-Updates lösen: Viele Nutzer aktualisieren ihre Software nicht, da die Bereitstellung zu schwierig ist. Wie man dieses Problem lösen will und wann das Projekt veröffentlicht wird, wollte Wiko jedoch nicht preisgeben. Bis dahin gilt, dass die Franzosen lediglich ein System-Update für das Wiko View 3 und das Wiko View 3 Pro garantieren. Dazu werde es Sicherheits-Updates geben.

Ein Blick von der Dachterrasse des Wiko-Hauptquartiers zeigt Hinterhöfe und die für das deutsche Auge wirre Baupolitik Marseilles. Hinter den schicken Kulissen der französischen Stadt zeigt sich südeuropäischer Charme und hinter den Kulissen Wikos ein Unternehmen mit Start-Up-Charakter mit ernstzunehmenden Ambitionen.

Deine Technik. Deine Meinung.

Und was sagst du?

Bitte gib Dein Kommentar ein!
Bitte gibt deinen Namen hier ein

geschützt durch reCAPTCHA Datenschutzerklärung - Nutzungsbedingungen

VERWANDTE ARTIKEL