Unitymedia-Technikchef im Interview: "Für Gigabit-Leitungen brauchen Sie keine Bagger"

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Mit Bochum und Frankfurt bietet Unitymedia nun in zwei Großstädten Gigabit-Anschlüsse an. inside handy hat das zum Anlass genommen, mit dem Technik-Chef des Kabel-Anbieters, Dieter Vorbeck, zu sprechen. Wer braucht eigentlich Gigabit-Leitungen, wie aufwändig ist der Netzausbau für die Kabel-Anbieter und warum kommt es doch immer wieder zu überlasteten Leitungen?
Unitymedia-CTO Dieter Vorbeck steht vor dem Unitymedia-Logo
Bildquelle: Thorsten Neuhetzki / inside handy

inside handy: Herr Vorbeck, mit Bochum und Frankfurt haben Sie nun zwei Städte und weit über eine halbe Million Haushalte mit dem neuen DOCSIS 3.1-Standard versorgt und bieten dort Gigabit-Anschlüsse an. Wer braucht das eigentlich?

Dieter Vorbeck: Keine Frage: Wenn der Wirtschaftsstandort Deutschland weiter so attraktiv bleiben will, brauchen wir Gigabit-Netze. Das Datenvolumen wächst kontinuierlich, der Bedarf an Bandbreite steigt. Im Privatbereich konsumieren mehrköpfige Familien parallel Streaming-Inhalte oder spielen online. Auch Virtual Reality wird ein großes Thema werden. Immer mehr Menschen arbeiten von zu Hause und sind auf schnelle, stabile Verbindungen angewiesen. Oder denken Sie an die vielen kleineren Geschäftskunden – Architekten oder Freiberufler zum Beispiel, die mit immer größeren Datenmengen hantieren. Und zukünftig benötigen Internet-of-Things- oder 5G-Anwendungen und der Bereich vernetzte Mobilität Gigabit-Netze.

Wir haben den neuen Standard dafür, der es uns ermöglicht, vieles im Netz zu verbessern und Gigabit-Tempo einzuführen. Wir können mit DOCSIS 3.1 mehr Geschwindigkeit, mehr Kapazität und mehr Stabilität ins Netz bringen. Wir wollen das Thema Gigabit und DOCSIS 3.1 als First Mover besetzen und zeigen, dass es funktioniert. Dabei geht es uns darum, ein echtes Endkundenprodukt auf dem Markt zu haben.

Aber es ist sicher so, dass ein Gigabit-Angebot eher ein Produkt ist, das wir zuerst auf den Markt bringen und dann erst von den Kunden nachgefragt wird – weniger umgekehrt. Aber die Kunden probieren es aus. Unser Anspruch ist hier, die Technologie zu zeigen und nicht ein marketinggetriebenes Produkt auf den Markt zu bringen. Wir rechnen sicherlich nicht damit, dass morgen mehrere tausend Kunden Gigabit-Anschlüsse bei uns buchen. Aber lassen Sie uns in fünf Jahren noch einmal darüber reden.

inside handy: Bochum ist jetzt seit Frühjahr mit DOCSIS 3.1 online. Welche Erfahrungen haben Sie sammeln können?

Dieter Vorbeck: Wir mussten nicht großflächig die Straßen aufreißen, um Gigabit-Tempo einzuführen. Was sich auszahlt, ist seit Jahren unser Investment von jährlich 25 Prozent des Umsatzes in Netz und Technik. Dadurch haben wir vielerorts eine gute Netzqualität, die eine gute Grundlage für die Einführung von DOCSIS 3.1 ist. Durch die Analog-Abschaltung im Juni 2017 konnten wir zudem massiv Kapazitäten freischaufeln. Relativ einfach gingen dann Themen wie die Umsetzung in unseren Kabelnetzstandorten. Die CMTS (Kabel-Modem auf Netzanbieter-Seite; die Red.) aufzurüsten war recht einfach. Was Arbeit gemacht hat, war das eigentliche Übertragungsnetz, also das HFC-Netz, korrekt einzustellen. Hier mussten wir an verschiedenen Stellen die Signalpegel nachjustieren, die Modulationen anpassen und das Netz an sich etwas aufräumen. Außerdem brauchten wir ein passendes Modem mit der richtigen Firmware. Hier haben wir einige Anbieter getestet und haben uns am Ende für AVM entschieden. Zum Einsatz kommt die FritzBox 6591 Cable.

Dem sind komplexe Arbeiten und Entwicklungen zusammen mit den Partnern gefolgt. Wir haben hier ja komplettes Neuland betreten und am Ende hat es uns viel Zeit gekostet, dieses passende Endgerät zu finden und ihm den finalen Schliff zu geben.

inside handy: Gab es nach dem Start in Bochum böse Überraschungen?

Dieter Vorbeck: Nein, da gab es nach dem Marktstart nichts, was wir nicht erwartet hätten. Das ist auch auf die zahlreichen und langwierigen Tests im Vorfeld zurückzuführen, so dass wir zwar die ein oder andere Stellschraube durch DOCSIS 3.1 justieren mussten, aber keine bösen Überraschungen erlebt haben.

inside handy: Gefühlt geht der DOCSIS-3.1-Ausbau und damit die Gigabit-Ausdehnung bei Vodafone deutlich schneller. Vodafone ist später gestartet, hat mittlerweile mehrere Orte in Bayern, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern am Netz. Bis Ende des Jahres sollen es 6 Millionen Haushalte sein. Bei Unitymedia sind jetzt die lange angekündigten Städte Bochum und Frankfurt am Netz, Köln und Düsseldorf folgen. Warum dieser Unterschied? 

Dieter Vorbeck: Wir gehen strategisch anders vor. Wir haben uns bewusst erst einmal auf einige größere Städte und Ballungszentren konzentriert. Wenn Sie sich angucken, wie viele Haushalte wir durch diese Großstädte versorgen, sind das aber ja auch nicht so wenige. Am Ende geht es uns auch nicht darum, wer mehr oder weniger Kunden versorgt. Wichtig für uns war, dass wir Gigabit-Anschlüsse als erster in einem größeren Projekt in den Markt gebracht haben, um so auch ein nach außen sichtbares Zeichen zu setzen. Darauf sind wir sehr stolz und das war eine grandiose Leistung der Mitarbeiter aus dem Netz- und Technikbereich in Verbindung mit vielen anderen Abteilungen.

inside handy: Honoriert der Kunde das?

Dieter Vorbeck: Ja, eindeutig. Es gibt Kunden, die auf höhere Geschwindigkeiten angewiesen sind und sich freuen, dass wir ihnen das jetzt liefern. Es macht sonst kein anderer, wenn Sie nicht gerade eine teurere Glasfaser-Direktleitung im Geschäftskundenumfeld buchen. 500 Kunden haben uns in Bochum auch schon mit einer Gigabit-Leitung beauftragt. Und das spricht sich rum: Wer mit Gigabit-Tempo im Internet in Bochum oder jetzt in Frankfurt surfen will, weiß, dass er bei Unitymedia an der richtigen Adresse ist.

inside handy: Bestehende Netze schneller zu machen ist das eine. Einige Wettbewerber werfen Ihnen aber auch immer wieder vor, sich auf Ihren bestehenden Netzen auszuruhen und nicht weitere weiße Flecken zu erschließen.

Dieter Vorbeck: Wir bauen schon seit mehreren Jahren unser Netz aus. Wir machen Netzmodernisierungen, schließen Neubaugebiete an und eliminieren erfolgreich weiße Flecken, insbesondere im ländlichen Bereich. Im Schwarzwald haben wir aktuell beispielsweise Baiersbronn erschlossen, in Erftstadt sind die Arbeiten in den letzten Zügen und auch ein Ausbauprojekt in Wibbling-Werde steht kurz vor Abschluss der Arbeiten. Wir sind im Hinblick auf Whitespots vor allem auf dem Land unterwegs, aber natürlich müssen wir darauf achten, dass das Ganze wirtschaftlich für uns ist. Wenn wir Neubaugebiete oder Whitespots erschließen, verlegen wir heute sogar die Glasfasernetze bis in die Häuser. Rund um Ascheberg haben wir beispielsweise mehrere hundert Kilometer Glasfaserkabel bis in die Häuser gelegt. Über zehn Millionen Euro haben wir dort investiert.

inside handy: Jetzt sind wir beim klassischen Netzausbau angekommen, was ja in der Regel mit Tiefbauarbeiten verbunden ist. Lassen Sie uns zurückkommen zu DOCSIS 3.1: Brauchen Sie, um Ihr bestehendes Netz Gigabit-fähig zu machen, auch den Bagger?

Dieter Vorbeck: Nein, erst einmal brauchen wir dafür keine Tiefbauarbeiten. Wir müssen das Netz aufräumen und richtig einstellen und Einstrahlungen eliminieren. Das heißt: die Netzqualität massiv verbessern. Den Bagger brauchen wir erst, wenn wir merken, dass die Kapazitäten im Netz auf absehbare Zeit nicht mehr ausreichen werden. Dann müssen wir einen sogenannten Node-Split durchführen. Dabei verkleinern wir die Cluster und somit die Anzahl der Kunden, die sich die Kapazität eines Clusters teilen. Dafür müssen wir dann Glasfaserleitungen verlegen und damit näher an den Kunden heranrücken. Das hat aber erst einmal nicht direkt etwas mit der Umstellung auf DOCSIS 3.1 zu tun. Bei DOCSIS 3.0 ist das genauso erforderlich und wird auch gemacht, ist aber oftmals ein langwieriges Thema, weil wir auf Baugenehmigungen warten müssen. In Frankfurt haben wir beispielsweise noch einige Node-Splits geplant, um auch langfristig genügend Kapazitäten für die neuen Gigabit-Anschlüsse bereitzustellen.

inside handy: Die Kabelnetzbetreiber machen immer ein großes Geheimnis darum, wie viele Kunden sich einen Cluster teilen. Die Anzahl der Kunden ist in einem Shared Medium aber relevant für die praktische Übertragungsrate. Ändert sich dieses Verhältnis aus Ihren Erfahrungen aus Bochum mit DOCSIS 3.1? Wie viele Kunden sind auf einem Cluster?

Dieter Vorbeck: Sie werden auch nicht das letzte Details eines Rezeptes für Ihre Lieblings-Brause vom Hersteller des Getränkes erfahren. Das gehört zu den Geschäftsgeheimnissen. Was ich aber sagen kann: Wir haben bei Unitymedia ein spezielles Kapazitäts-Planungsverfahren. Das zeigt uns ziemlich genau, wann wir in einem Gebiet mit einer Erweiterung von Kapazitäten anfangen müssen und welche Maßnahmen vorgeschlagen werden. Wenn Sie sich unabhängige Tests anschauen, scheinen wir das auch früher zu machen, als andere denn unsere Messwerte im Netz sind deutlich besser und weniger volatil im Tagesverlauf als bei anderen Kabelanbietern. Uns ist wichtig, dass die Kunden auch abends, wenn jeder im Internet surft, ihre Geschwindigkeit bekommen.

Wie viele Kunden sich nun einen Cluster teilen, ist von vielen Faktoren wie der Kundenpenetration, den gebuchten Produkten und dem Altersschnitt der Kunden abhängig. Ganz grob und im Schnitt kann man aber von etwa 500 Kunden ausgehen. Ob und wie sich das mit DOCSIS 3.1 verändern wird, lässt sich noch nicht sagen. Aber generell werden die Cluster auf jeden Fall kleiner. Wir machen einige hundert Node-Splits im Jahr. Im Rahmen unseres Kundenzentrierungsprogramms „New Wave“ haben wir dieses Jahr sogar zahlreiche Node-Splits aus Qualitätsgründen und nicht aufgrund von Kapazitäts-Engpässen gemacht.

inside handy: Sie setzen DOCSIS 3.1 ein und der Kunde bekommt ein Gigabit nach Hause geschickt. Setzen Sie den neuen Standard auch für Ihre anderen Produkte, etwa das 400-MBit/s-Produkt ein?

Dieter Vorbeck: Nein, aktuell nicht. DOCSIS 3.0 wird erst einmal bestehen bleiben und für die anderen Produkte weiter eingesetzt werden. Mit DOCSIS 3.1 können wir aber in jedem Fall schnell skalieren und es hat viel Potential. Das ist auch einer der Vorteile von DOCSIS 3.1. Die Einführung erlaubt verschiedene Migrationsstrategien und die parallele Nutzung von DOCSIS 3.0 und DOCSIS 3.1 ist möglich.

inside handy: Ja, in der Vergangenheit war bei DOCSIS 3.1 auch immer wieder von 10 Gbit/s symmetrisch die Rede.

Dieter Vorbeck: Das ist richtig. Aber hier sprechen wir wirklich über die Zukunft. Das, was Sie ansprechen, ist technisch möglich. Aber derzeit erzielen wir solche Datenraten nur in den Laboren. Die Spezifikationen sehen das vor und es ist auch denkbar, dass das eines Tages im Netz umgesetzt wird. Aber derzeit gibt es dafür keinen Bedarf und mit dem derzeitigen Ausbaustand von DOCSIS 3.1 haben wir einen echten Meilenstein gesetzt und können da auch noch viel herausholen.

inside handy: Wir sind gespannt wohin die Reise geht. Vielen Dank für das Gespräch.

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