Telekom ISDN-Abschaltung – darum ist das auf dem Land ein Problem

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ISDN ist aus heutiger Sicht ein Standard aus grauer Vorzeit. Die Telekom kündigt daher gerade vielen Kunden die Anschlüsse und will sie umstellen auf IP-Technik. Doch gerade für Kunden auf dem Land ist das eine mittlere Katastrophe.
Die Zentrale der Deutschen Telekom bei Nacht
Bildquelle: Deutsche Telekom

ISDN wurde in den 1990er Jahren in Deutschland in großem Stil eingeführt – erst nur für Geschäftskunden, später auch für Privatkunden. Erstmals waren für damalige Verhältnisse schnelle Datenverbindungen mit 64 oder später 128 kBit/s möglich, es konnte auf mindestens zwei Leitungen gleichzeitig telefoniert werden. Dann kam DSL, inzwischen wird über die Internetleitung telefoniert und die Telekom mistet ihr Netz aus. Reine Analog- und ISDN-Anschlüsse gibt es nicht mehr. Und auch, wer noch einen reinen Telefonanschluss hat – ab 1. September kosten diese mehr.

Neue ISDN-Kündigungswelle?

In den vergangenen Wochen hat die Telekom offenbar erneut zahlreichen Kunden mit einem ISDN-Anschluss die Kündigung zugeschickt. Denn das Thema hat einmal mehr auch die Massenmedien erreicht. Sie berichten über zahlreiche Einzelfälle, die sich künftig von der Außenwelt abgeschnitten sehen. Denn auch 2019 gibt es immer noch Orte, in denen ISDN als der beste Telefon- und Internetanschluss gilt. Dass die Kündigungen in Wellen verschickt werden ist nicht ungewöhnlich, da die Telekom diese einerseits an die Restvertragslaufzeiten der Kündigungen aber auch an die eigenen Ausbauarbeiten beim VDSL Vectoring knüpft.

So ist aktuell von einem Hotel mitten in Nordrhein-Westfalen die Rede, das die ISDN-Kündigung bekommen hat. Der Schilderung nach nutzt sie einen Anlagenanschluss – eine spezielle Form des ISDN-Anschlusses für Geschäftskunden. Statt einzelner Telefonnummern haben die Kunden eine Nummer und verschiedene Durchwahlen. Das klassische Internet ist am Standort offenbar so mies, dass die Schaltung eines solchen Anschlusses auf IP-Basis nicht möglich gewesen wäre. Auch einzelne Analoganschlüsse mit den alten Nummern verweigerte die Telekom – es sei nicht möglich, die Nummern von einem auf mehrere Anschlüsse umzulegen.

Alternativen VDSL und LTE genannt – aber nicht verfügbar

An anderer Stelle ist davon zu lesen, dass die Telekom in ihren Kündigungsschreiben als Alternative einen VDSL-Anschluss mit 50 Mbit/s vorschlägt, den es aber am Standort gar nicht gibt. Oder aber sie verweist auf den Tarif Call & Surf via Funk. Dieser aber ist einerseits am Standort wegen mangelnder LTE-Abdeckung gar nicht möglich und ersetzt auch keinen ISDN-Anschluss, wenn es um die Möglichkeiten der Sprachtelefonie von ISDN geht.

Kunden, deren Analog-Anschluss die Telekom kündigt, haben weniger Probleme. Für klassische Telefonanschlüsse mit nur einer Leitung und einer Nummer hat die Telekom keinen technischen Trick angewandt. Dabei erfolgt die Telefonie ebenfalls per IP-Leitung, der Kunde benötigt aber keinen Internetanschluss. Dafür wird an einem Telekom-Technik-Standort der Anschluss zu einem IP-Anschluss gewandelt. Der Fachausdruck hierfür: MSAN POTS. Normalerweise passiert dieser Schritt schon beim Kunden in der Wohnung.

ISDN muss nicht angeboten werden

Als die Telekom vor einigen Jahren damit begann, bestehende Festnetzanschlüsse zu kündigen, versprach sie einen solchen technischen Trick auch für ISDN. Das aber wurde scheinbar nie umgesetzt.

Dabei geht die Telekom bei ihren ISDN-Kündigungen auch scheinbar willkürlich vor. So ist der inside digital Redaktion ein Fall bekannt, bei der ISDN bei einem bestehenden Anschluss mit Call & Surf via Funk gekündigt wurde. Zwei Häuser weiter hat ein Kunde mit einem reinen ISDN-Anschluss aber auch Monate später noch keine Kündigung für seinen Anschluss erhalten. Eine Festnetz-Alternative bietet die Telekom auch hier noch nicht an – ein VDSL-Ausbau ist erst für 2020 geplant.

Was können betroffene Kunden tun?

Der einzelne Kunde ist den Kündigungen in der Regel machtlos ausgeliefert. Erst wenn mehrere Kunden oder ganze Siedlungen betroffen sind, kann sich möglicherweise die Kommune einmischen und das Gespräch mit der Telekom suchen. Das ist insbesondere dann notwendig, wenn andernfalls Gewerbebetriebe ihren Anschluss verlieren würden. Ist ohnehin ein Breitbandausbau geplant, lässt sich die Telekom möglicherweise auf eine Verschiebung der Kündigung ein. Kunden können dann immerhin auf IP-Anschlüsse wechseln.

Privatkunden bleibt ansonsten nur die Hoffnung, dass die Telekom oder ein anderer regionaler Anbieter schnelle Internet-Leitungen ausbaut. Über diese können betroffene dann direkt mit dem DSL-Anbieter oder einem Drittanbieter telefonieren. Sonst bleibt nur der Wechsel zu einem neuen Analog-Anschluss oder der Griff zum Handy. Eine echte Alternative zu ISDN gibt es aber ohne Breitband-Internet nicht. Die Telekom ist regulatorisch nicht verpflichtet, ISDN anzubieten. Der Universaldienst in Deutschland – also das, was die Telekom mindestens liefern muss – ist auch 2019 noch ein analoger Telefonanschluss.

Zwei weitere Alternativen für das Internet: Sogenannte Homespots, die per LTE online gehen oder aber Internet via Satellit.

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