Telefónica: Streit mit der Polizei - es geht um Frequenzen

5 Minuten
Frequenzen sind ein rares Gut und entsprechend begehrt, das zeigt jede Mobilfunk-Frequenzversteigerung. Nun steht zur Debatte, was nach 2030 mit den aktuellen TV-Frequenzen passieren soll. Hier gibt es viele Interessenten – zu viele.
Ausgefahrene Antenne an einer Mobile Base Station
Bildquelle: Hayo Lücke / inside digital

Auf der Branchenmesse Anga Com in Köln ging es in einer Diskussionsrunde um die Frage, wie es mit den Frequenzen zwischen 470 und 694 MHz langfristig weitergeht. Dieser riesige Frequenzblock ist nur bis 2030 im Rahmen internationaler Absprachen für das Fernsehen (DVB-T2) und den Veranstaltungsfunk (Funkmikros und drahtlose Übertragungstechnik) vorgesehen. Wie es danach weiter geht, soll im kommenden Jahr zumindest im ersten Schritt im Rahmen einer Weltfunkkonferenz entschieden werden. Das Problem von Deutschland: Man weiß noch nicht, was man will.

Interessenten für die Frequenzen gibt es mehr als genug. Natürlich wollen die aktuellen Nutzer, also das Fernsehen und die Betreiber von Funkanlagen, die Frequenzen behalten. Hinzu kommen aber auch die Begehrlichkeiten von Mobilfunkern, deren Hunger nach Frequenzen groß ist. Aber auch die Innenminister wollen die Frequenzen, um ein neues Funknetz für Polizei, Feuerwehr & Co aufzubauen.

Frequenzen für das Fernsehen?

Die Diskussion um die Zukunft der Frequenzen schwelt seit Jahren und auch auf der Anga Com fand man keinen gemeinsamen Nenner – nicht einmal eine Tendenz. So betonte beispielsweise der Leiter für das Thema Verbreitung beim Bayerischen Rundfunk, Helwin Lesch, DVB-T sei die einfachste und günstigste Methode für Zuschauer, sich zu informieren. Er geht davon aus, dass die Nutzung wieder zunehmen wird, wenn das Nebenkostenprivileg im Kabelnetz fällt. Hinzu komme die Aufgabe der Flächenversorgung. „Wir sind dem Gemeinwohl verpflichtet.“ DVB-T sende auf 160 Standorten mit hoher Leistung. Würden die Türme nicht mehr für das Fernsehen genutzt werden, würden gleichzeitig die Kosten für die Verbreitung von Radiosendern deutlich steigen.

Mehr Frequenzen für den Mobilfunk?

Telefónica, die Firma hinter der Mobilfunkmarke O2, hat großes Interesse, die Frequenzen für LTE und vor allem 5G einzusetzen. Ein so großes Spektrum für die Mobilfunker mit Frequenzen, die sich in der Fläche einsetzen lassen, wäre ein Schub für die mögliche Breitbandversorgung per Handy. Valentina Daiber, als Vorstand bei Telefónica zuständig für Recht und Corporate Affairs, gab sich angesichts des großen Interesses anderer Parteien diplomatisch. Wichtig sei, im kommenden Jahr auf der Weltfunkkonferenz dafür zu sorgen, dass man eine Tür für Änderungen öffne.

Sie verwies darauf, dass sich sowohl das Nutzungsverhalten als auch der Markt geändert habe. Es gebe inzwischen in Deutschland vier Netzbetreiber. Wenn 1&1 demnächst sein Netz auch auf dem Land ausbauen will, brauche man zusätzliche Frequenzen. „Wir haben gesehen, wie schnell sich die Welt verändern kann, deswegen täten wir gut daran, die Tür für Veränderungen zu öffnen.“ Gleichwohl wolle sie heute noch keine Entscheidung treffen, was nach 2030 wirklich mit den Frequenzen passieren werde.

Bezüglich der Fernsehversorgung verwies Daiber darauf, dass nur sechs Prozent der Zuschauer DVB-T2 nutzen, auf dem Land gar nur vier Prozent. „Dem Kunden ist egal, wie er seine Inhalte konsumiert. Es geht um Inhalt, nicht die Technik“. Sie verwies damit auf mögliche neue Standards wie 5G Broadcast. Aber auch die bis 2030 angestrebte flächendeckende Glasfaserversorgung in Deutschland sei ein Thema – diese lasse sich auch zum Fernsehempfang nutzen.

Mehr Frequenzen für mehr Sicherheit?

Auch die Sicherheitsbehörden schielen auf die Frequenzen. Die Polizei arbeitet heute in einem Tetra-Netz. Das kann nicht mehr als Sprache und Kurznachrichten. Es sei aber künftig wichtig, dass die Polizei Fotos von Tatorten direkt übertragen kann, Drohnen Daten versenden und vieles mehr. Das alles müsse über ein speziell abgesichertes Netz geschehen, das man beherrsche und garantiert nutzen könne, sagte Jürgen Mathies. Mathies ist Staatssekretär im Ministerium des Inneren des Landes Nordrhein-Westfalen.

Für ein solches eigenes BOS-Funknetz brauche man 60 MHz, den größten Teil davon für den Uplink von Daten. „Mobilfunk kann nicht das abdecken, was BOS benötigt“, so Mathies. Die Nutzung eines 5G Networkslice scheint somit keine Option für die Sicherheitsbehörden zu sein

Frequenzen für die Unterhaltung?

Die fraglichen Frequenzen im UHF-Bereich werden umgangssprachlich auch als Kulturfrequenzen bezeichnet – nicht nur, weil das Fernsehen sie nutzt. Denn nahezu jedes Funkmikrofon ist ebenfalls in diesem Spektrum unterwegs. Einer der wohl bekanntesten Hersteller solcher Funkmikrofone und Funkstrecken im Profibereich ist Sennheiser, auf der Anga Com vertreten durch Co-CEO Andreas Sennheiser. Er betonte, dass die Frequenzen weiterhin unbedingt für diese Funkstrecken zur Verfügung stehen müssen. „Für Großevents braucht man bis zu 200 Megahertz Spektrum, um alle Mikrofone und Funkstrecken zu realisieren“, so Sennheiser.

„Wollen wir Olympische Spiele mit Ton?“, fragte Sennheiser rhetorisch. Bei einer Umnutzung der Frequenzen käme es zu einer Überlastung des Spektrums. Er fürchtet, dass am Ende keiner die Frequenzen zufriedenstellend nutzen könnte.

Er schlug im Gegenzug vor, dass bestehende Frequenzen effektiver genutzt würden. Konkret sprach er von einem möglichen National Roaming der Mobilfunkanbieter. Es sei unverständlich, warum vier parallele Infrastrukturen aufgebaut würden. Die Anbieter sollten sich besser über ihre Dienste und Tarife differenzieren, nicht über das Netz.

Wie geht es nun weiter?

Deutschland muss eine gemeinsame Position finden, wie es weitergehen soll – und das schnell. Denn zur Weltfunkkonferenz 2023 sollte man nicht ohne eigene Meinung antreten. Dabei sollte man sich aber mit allen Beteiligten auf einen Konsens einigen. Denn es kann eigentlich nur auf einen Kompromiss hinaus laufen. Nutzt das Fernsehen künftig 5G Broadcast zur terrestrischen Verbreitung? Setzen die Mobilfunker verstärkt auf National Roaming? Und lassen sich 5G Networkslices für die Polizei und den Veranstaltungsfunk nutzen? All diese Fragen sollten geklärt werden, um einen Kompromiss und eine sinnvolle Nutzung der Frequenzen zu ermöglichen. Ein deutscher Alleingang ist hier nicht möglich und sinnvoll.

Deine Technik. Deine Meinung.

2 KOMMENTARE

  1. Frei

    Polizei hat genug Frequenzen in verschiedenen Frequenzbereichen: 4 + 2 + 0,7 Meter Band.
    Bei normaler Auslastung werden davon nicht mal 5 % benutzt.
    Bei-Katastrophenfällen wird größerer Frequenzbedarf entstehen. Aber meistens nur für ein bis wenige Tage in 10 Jahren.
    Man könnte die Frequenzen anderen Nutzer, die diese 24 Stunden am Tag nutzen zu Verfügung stellen,
    und nur in den äußerst seltenen Katastrophenfällen den Sicherheitsorganen (BOS Funk) diese Frequenzen zur Verfügung stellen zur Verfügung stellen.
    So ist das heute schon mit Handynetzen. Bei Groß Katastrophen / Krisen-Lagen, buchen in die Netze die Behörden Handys mit Priorität ein.
    Dabei können zivile Telefonate auch zwangsgetrennt werden, um die Zeitschlitze/Kanäle den BOS Anwender zur Verfügung stellen. Das ist alles fest einprogrammiert, und erfordert nur ein Tastendruck um es umzusetzen. Auch bei Großaufständen kann der Staat Handynetze killen und Kommunikation und Koordination zu sabotieren.
    Die Frequenzen nur für BOS zu reservieren, die in 10 Jahren zwischen null und einigen Tage genutzt werden wäre absolute Verschwendung!

    Ähnliche Verschwendung von knappen Frequenzen betreiben öffentlich-rechtlichen TV-Sender. (Staatspropaganda TV, ähnlich wie früher Wochenschau) WDR belegt solche Kanäle für „Regionalprogramme“, die pro Tag maximal 30 Minuten abweichende Inhalte von dem WDR Standard-Programm senden. https://de.kingofsat.net/find.php?question=wdr
    Absolute Verschwendung, für die wir auch noch GEZ Steuer zahlen müssen!

    Antwort
  2. Frei

    Und bei terestrischen TV + Radio Sender (DVBT-2) die Bundesweit senden, könnte mehr Gleichwellenfunk Frequenzbedarf einsparen!
    Und Regional- Inhalte mit nur ca. 30 Minuten pro Tag, alle auf nur eine Frequenz / Kanal, wo die in 30 Minuten Segmenten nacheiander senden.

    Antwort

Und was sagst du?

Bitte gib Dein Kommentar ein!
Bitte gibt deinen Namen hier ein

VERWANDTE ARTIKEL