Social Robotics: Roboter als Therapeuten für Kinder?

5 Minuten
Ob Wall-E, R2D2 oder Baymax - auf den Leinwänden faszinieren Roboter-Mensch-Beziehungen schon lange. Nun sollen Roboter auch in der Therapie autistischer Kinder helfen und ihnen soziales Verhalten, Kommunikation und Interaktion mit anderen beibringen. Warum aber Roboter?
Kind und Roboter
Bildquelle: Andy Kelly/Unsplash

Die Idee, Roboter in die Autismus-Therapie zu integrieren, kam dabei ganz zufällig: Eine Mutter beobachtete, wie sich ihr sonst sozial distanziertes Kind plötzlich ausgiebig mit einem Roboter unterhielt. Es blieb ruhig und hörte aufmerksam zu. Es war ein Verhalten, was sie von ihrem autistischen Kind so gar nicht kannte. Davon war sie so gerührt, dass sie ihre Idee teilte.

Laut World Health Organization (kurz WHO) ist eines von 160 Kindern von Autismus betroffen und bedarf einer therapeutischen Behandlung. Eine Autismus Spektrum Störung (kurz ASS) beeinträchtigt vor allem die soziale Kompetenz von Betroffenen. Kindern im Autismus-Spektrum fällt es schwerer, mit anderen Kindern zu reden, mit ihnen zu spielen oder Freundschaften zu schließen. Ihr Interesse gilt meist eher Objekten als Menschen.

Kommunikation und Sozialverhalten autistischer Kinder

Laut dem Bundesverband Autismus Deutschland e.V. haben Betroffene große Schwierigkeiten mit der Wahrnehmung und Verarbeitung von Reizen. Im Gespräch mit anderen Menschen fällt es Kindern im Autismus-Spektrum schwer, sich zu konzentrieren. Die Worte, die Körpersprache, der Gesichtsausdruck – sie versuchen auf alles gleichzeitig zu achten. Dabei haben sie aber Probleme die Emotionen und Gefühle anderer Menschen zu deuten und sie zu verstehen. Daraus können sich Phobien und Ängste im sozialen Umgang entwickeln. Erkenntlich wird das gemäß Medizinerportal AMBOSS an geringem Blickkontakt, reduziertem sozialem Lächeln und einem geringen Einsatz von Mimik und Gestik.

Den Kindern fällt es aufgrund dessen schwer, zu anderen Kindern Freundschaften zu schließen und sind deswegen oft Einzelgänger. Stattdessen fällt auf, dass sie viel besser Beziehungen zu Objekten aufbauen können. Der Unterschied: Von Objekten fühlen sie sich in keiner Weise verurteilt.

Verhaltensorientierte Therapie und Behandlungen für die Verbesserung sozialer Fähigkeiten existieren zwar der WHO zufolge, beanspruchen aber vonseiten der Eltern viel Zeit und Disziplin. Mit Arbeit, Alltagsstress und eventuell anderen Kindern zu Hause, kommen viele Eltern nicht hinterher. Der technische Fortschritt und ein zunehmender Einsatz von künstlicher Intelligenz ermöglichen jedoch vermehrte Studien mit sogenannten „sozial-assistierenden Robotern“. Diese sollen in der Therapie eine Vermittlerfunktion zwischen Kind und Therapeut einnehmen.

Soziale Roboter – die neuen Freunde und Therapeuten?

Soziale Robotik ist ein Teilgebiet der Robotik, in dem nun seit 20 Jahren intensiv geforscht wird. Bisher kennt man Roboter, die in der Mechanik eingesetzt werden, um Menschen Arbeit abzunehmen. Was soziale Roboter von diesen unterscheidet: Sie sind fähig, Beziehungen zu Menschen aufzubauen und können sich an soziale Regeln halten. Daher spricht man oft auch von „emotionaler und sozialer Robotik”. In der Zukunft sollen soziale Roboter sogar lebenslang lernen und neue Erfahrungen in ihr Verhalten integrieren können. Sie können bei einer Vielzahl an pflegebedürftigen Zielgruppen eingesetzt werden. Alte Menschen, Menschen mit physischen Beeinträchtigungen, Menschen bei der Rehabilitation, oder auch Studierende und Schüler können von Robotern profitieren.

Wissenschaftliche Studien der Fachhochschule Campus Wien fanden heraus, dass Kinder in Robotern potenzielle Freunde sehen. Sie sehen in ihnen soziale Wesen mit Gefühlen. Auch bei Kindern im Autismus-Spektrum beobachtet man ein größeres Interesse an einer Interaktion mit einem Roboter als an einer menschlichen. Sie zeigen dabei eine höhere Aufmerksamkeit, ein größeres Engagement bei Lernaufgaben und bleiben im Gespräch viel ruhiger und aufnahmefähiger. Bisherige Forschungsergebnisse bestätigen die These, dass der Einsatz von Robotern für die Autismus-Therapie hilfreich ist. Forscher fordern, dass langfristig eine Roboter-assistierte-Therapie für die Entwicklung von Sozial- und Kommunikationsfähigkeiten autistischer Kinder eingesetzt werden soll. Ziel ist es, soziale Roboter als Standardausstattung an Schulen und schulischen Einrichtungen zu haben.

Nao – der humanoide und programmierbare Roboter

In der Autismustherapie und in den wissenschaftlichen Studien ist Nao der am häufigsten eingesetzte Roboter. Nao wurde erstmals 2006 von dem französischen Roboterhersteller Aldebaran Robotics (seit Mai 2016 SoftBank-Robotics) vorgestellt. Seitdem ist der Roboter in ständiger Überholung, das aktuelle Modell kam 2018 auf den Markt.
Der Roboter hat einen menschenähnlichen Körper und ein roboterähnliches Gesicht, zählt aber zu den humanoiden Robotern. Soziale Roboter, die im Gesamtbild eine eher menschenähnliche Erscheinung haben, werden humanoide Roboter genannt.

Nao - Humanoider Roboter
Quelle: Softbank-Robotics


Durch eine Vielzahl an Sensoren an Kopf, Händen und Füßen ist Nao in der Lage, seine Umgebung wahrzunehmen und Berührungen zu spüren. Nao besitzt über mehrere Mikrophone, Lautsprecher, zwei integrierte Kameras und Bildsensoren, worüber das System interaktiv agieren kann. Er kann zuhören, sprechen, balancieren, sich hinsetzen, wieder aufstehen und tanzen. Er verfügt außerdem über WLAN-, Ethernet- und Bluetooth-Verbindung, worüber er sich eigenständig verbinden kann. Der Roboter ist ungefähr 58 cm groß und wiegt dabei fünf Kilogramm. Sein Einstiegspreis lag bei 10.000 Euro, das neueste Modell kostet inzwischen zwar 5.000 Euro, ist für Privatpersonen aber nach wie vor relativ teuer.

Bedenken und Kritik an sozialen Robotern

Kritiker einer Roboter-assistierten Therapie befürchten, dass Kinder im Autismus-Spektrum ein zu enges Verhältnis zu dem Roboter aufbauen könnten. In einem solchen Fall würden die Mensch-zu-Mensch-Interaktionen abnehmen, sodass Gelerntes gar nicht angewendet werden kann. Dadurch besteht auch die Gefahr, dass Eltern ihre Kinder womöglich sozial vernachlässigen könnten, wenn sie sich zu sehr auf einen Roboter verlassen. Der Verzicht auf menschlichen Kontakt könnte zudem in Vereinsamung und Isolation enden. Auch Fragen zum Datenschutz und zum langfristigen Effekt konnten bisher nicht beantwortet werden.

Wie andere Anwendungsbereiche von künstlicher Intelligenz, sind auch soziale Roboter ein Instrument, was mit Vorsicht genossen werden muss. Roboter werden nie komplett eine Therapie ersetzen können. Ihre Rolle als Vermittler jedoch könnte von großem Vorteil sein. Für Eltern gibt es hier die kostenlose Online-Version der Broschüre „Elternratgeber Autismus-Spektrum-Störung“ zum Download.

Und was sagst du?

Bitte gib Dein Kommentar ein!
Bitte gibt deinen Namen hier ein

geschützt durch reCAPTCHA Datenschutzerklärung - Nutzungsbedingungen

VERWANDTE ARTIKEL