Satte 55 Prozent allen Mülls: Eine Branche in Deutschland ist schuld

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Eine Branche in Deutschland produziert stolze 55 Prozent aller Abfälle pro Jahr. In jeder Sekunde ruft die Baubranche in Deutschland über 7,3 Tonnen Bauabfälle hervor, wie das Umweltbundesamt berichtet. Zugleich wird potenzieller Wohnraum für Menschen zerstört.
Satte 55 Prozent allen Mülls - Eine Branche in Deutschland ist schuld
Satte 55 Prozent allen Mülls - Eine Branche in Deutschland ist schuldBildquelle: Foto von Felix Neudecker auf Unsplash

Zahlen des Statistischen Bundesamts offenbaren traurige Fakten. Allein im vergangenen Jahr wurden in Deutschland etwa 11.000 Gebäude abgerissen, mehr als 30 pro Tag. Dabei könnte die reale Zahl sogar noch höher ausfallen, denn nicht überall in Deutschland sind für Abrisse Abrissgenehmigungen erforderlich. Nur der Abriss und Neubau von Gebäuden trägt in Deutschland bereits rund zehn Prozent der gesamten CO₂-Emissionen bei. Was die Abfälle betrifft, sind die Zahlen umso erschreckender. Denn mehr als die Hälfte allen Mülls, den das gesamte Land produziert, stammen aus der Baubranche. Experten blicken auf die Wohnungsknappheit im Land und fordern ein Umdenken.

Sanierung statt Abriss gefordert

Sowohl Umweltorganisationen wie die Deutsche Umwelthilfe (DUH) als auch der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten BDA verlangen ein Umdenken im Umgang mit alten Häusern. „Zu viel Abriss, zu wenig Sanierung“ – so lassen sie verlauten. Das schadet nicht nur dem Klima, sondern vernichtet auch Wohnraum, den wir in Deutschland eigentlich dringend benötigen. Darum verlangt der BDA einen Aufschub von Abrissen. Anstatt bestehende Gebäude zu vernichten und an der Stelle neue Bauten zu errichten, sollte wesentlich mehr in Erhalt, Sanierung, Um- und Weiterbau von Bestandsgebäuden investiert werden.

„Die beiden zentralen baupolitischen Zielsetzungen – die Schaffung von 400.000 neuen Wohnungen pro Jahr und die CO₂-Neutralität bis 2045 – widersprechen sich diametral, solange die aktuelle Praxis von Abriss und Neubau beibehalten wird“, erklärt der BDA in einer Pressemeldung wie die Frankfurter Rundschau berichtet. „Architekten haben eine Gemeinwohlverpflichtung“, erklärt BDA-Sprecher Benedikt Hotze, „und wir nehmen diese gesellschaftspolitische, auch ökologische Verantwortung ernst“.

Im vergangenen Herbst war der BDA darum eine der treibenden Kräfte hinter der Errichtung des deutschen Abriss-Atlas nach Schweizer Vorbild. Dabei handelt es sich um ein offenes Mitmach-Projekt, in dem jeder Gebäude in Deutschland dokumentieren kann, die abgerissen wurden oder vom Abriss bedroht sind. Das Projekt soll dabei nicht nur auf die Zerstörung von Wohnraum aufmerksam machen, sondern auch auf die Verschwendung grauer Energie. Als sogenannte graue Energie bezeichnet man den verborgenen Energieaufwand, der bei Produkten und Gebäuden nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist. Dazu gehören nicht nur die Kosten, die die Herstellung der Baustoffe und der Bau selbst verursacht, sondern auch der Abriss und die Entsorgung der Bauabfälle. In jedem abzureißenden Gebäude stecken viele wertvolle Materialien, die bereits teuer erkauft worden. Nicht nur finanziell, sondern auch auf Kosten der Umwelt durch hohe Emissionen und den Einsatz großer Energiemengen.

Vor Neubau alle Potenziale im Bestand nutzen

Anstatt auf Neubau und Abriss zu setzen, sollen darum alle Potenziale im Bestand genutzt werden. Umbau, Sanierung, Umnutzung und Leerstandertüchtigung, Aufstockung und Teilausbau – es gäbe viele Möglichkeiten, Bestandsgebäude zu erhalten. Experten fordern daher, dass Städte, Kommunen sowie der Bund das Potenzial analysieren, das im Bestand steckt. Ohne ein Umdenken im Baugewerbe kann auch die Klima- und Ressourcenwende in Deutschland nicht gelingen.

Barbara Metz, Bundesgeschäftsführerin der DUH, geht noch einen Schritt weiter und verlangt eine Abrissgenehmigungspflicht. „Es ist vollkommen unverständlich, warum die Bauministerin zulässt, dass vermeidbare Abrisse jedes Jahr Millionen Tonnen CO₂ freisetzen und wertvolle Ressourcen vernichten“, so Metz. Aus ihrer Sicht wäre es einfach, die verlangte Abrissgenehmigungspflicht auf Grundlage einer Ökobilanzierung in die Musterbauordnung zu integrieren. Sie ist sich sicher: Erst dann würden auch die Bundesländer nachziehen und eine entsprechende Regelung in die Landesbauordnung integrieren.

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1 KOMMENTAR

  1. Nutzerbild Schwarzes Tigerle

    Schicker Neubau bringt halt mehr Gewinn ein. Ist ja selbst bei den Gemeinden so, wird nicht vermietet, weil entspricht nicht dem neuesten Stand der, lässt man dann Jahrzehnte leer stehen (Ohne Strafsteuer, da gewerbliche Vermieter), dann Abriss, Verkauf des Grundstücks, mit anschließender Errichtung von bestens ausgestatteten Eigentumswohnungen.
    Und natürlich Privatpersonen, welche nie Reparaturen durchführen, sondern nur herunterleben, und die Kosten für Instandsetzung nahe der Neuerrichtung kommen.

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