National Roaming bei 1&1: Jetzt geht's ans Eingemachte

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Deutschland soll ein viertes 5G-Netz bekommen. United Internet will es über seine Kernmarke 1&1 aufbauen. Doch auch kurz vor Weihnachten 2020 ist noch völlig unklar, wann der Netzaufbau starten kann. Die Verhandlungen zu einem National-Roaming-Abkommen stecken in einer Sackgasse.
Mobilfunknetz
In Deutschland soll ein viertes Mobilfunknetz entstehen. Doch es gibt Probleme.Bildquelle: Vodafone

United Internet will ein viertes Mobilfunknetz in Deutschland bauen, das ist nicht erst seit wenigen Tagen klar. Für ein solches Netz hat sich der Konzern aus dem Westerwald längst die passenden 5G-Frequenzen gesichert. Rund eine Milliarde Euro hat United Internet über seine Tochtermarke 1&1 Drillisch dafür ausgegeben. Problem: Mit diesen Frequenzen allein lässt sich kein flächendeckendes Mobilfunknetz aufbauen. Deswegen will 1&1-Chef Ralph Dommermuth mit einem der schon existierenden deutschen Netzbetreiber – Telekom, Vodafone oder Telefónica Deutschland – einen Deal abschließen. Vorübergehend will Dommermuth eines der hierzulande schon existierenden LTE-Netze in einer Art Miete mitnutzen, um seinen Kunden auch überall dort Mobilfunkdienste anbieten zu können, wo das 5G-Netz von 1&1 noch nicht steht. Stichwort: National Roaming. Doch jetzt gibt es neue Probleme.

Verhandlungen zu National Roaming schwieriger als gedacht

Schon seit vielen Monaten bemängelt Dommermuth, dass die Verhandlungen über ein National-Roaming-Abkommen längst nicht so schnell vorankommen, wie man es sich am 1&1-Firmensitz in Montabaur wünschen würde. „Die Gespräche ziehen sich. Ich hoffe, dass wir in den nächsten Monaten eine Einigung hinbekommen“, sagte der Manager Mitte August und führte ergänzend weiter aus: „Die Netzbetreiber wollen uns aus dem Markt raushalten, wollen uns kein National Roaming anbieten.“ Die Folge: Schon im September schaltete 1&1 die Bundesnetzagentur ein, weil die Gespräche mit Telekom und Vodafone in einer Art Sackgasse feststeckten. Zu unterschiedlich waren die Auffassungen der beteiligten Parteien, zu welchen Konditionen ein National Roaming für 1&1 zu realisieren sein könnte. Die Bundesnetzagentur soll seitdem als eine Art Schiedsrichter fungieren und dafür sorgen, dass alle Seiten faire Gebote auf den Tisch legen.

Das Ergebnis? Vollkommen offen. Und jetzt verschärft sich die Situation dem Vernehmen nach sogar noch. Denn auch Telefónica Deutschland hat offenbar das Interesse verloren, mit 1&1 über noch günstigere Netz-Zugangskonditionen für das National-Roaming-Netz zu verhandeln. Telefónica-Chef Markus Haas sagte unter der Woche in einem Interview mit der Tageszeitung „Welt“, man habe „ein sehr attraktives Angebot vorgelegt. Das Beste, was 1&1 je bekommen hat. Verschenken können wir den Zugang aber auch nicht.“ Man habe sich „bis zur Schmerzgrenze bewegt“, was zur Folge habe, dass sich nun weitere Verhandlungen erübrigen. „Wir sind überzeugt davon, dass unser Angebot allen behördlichen Überprüfungen standhält.“

De facto ist man bei Telefónica also der Auffassung, alles dafür getan zu haben, um 1&1 ein National Roaming zu fairen Konditionen in Deutschland zu ermöglichen. Nun liege es an Dommermuth und seinem Unternehmen, das vorliegende Angebot zu akzeptieren oder eben nicht. Friss oder stirb, so einfach ist das manchmal – oder auch nicht.

1&1 hält sich bedeckt

Bei 1&1 hält man sich zu den aktuellen Entwicklungen bedeckt. Aus dem Umfeld des Providers ist aber zu hören, dass Telefónica die Verhandlungen nicht einfach so beenden könne, da sich der Konzern an Auflagen aus der Fusion mit den einstigen Wettbewerber E-Plus halten müsse. Die EU sei über einen Treuhänder eng in die aktuell laufenden Verhandlungen zwischen 1&1 und Telefónica eingebunden.

Wie die Gespräche enden? Niemand kann das derzeit sagen. Auch 1&1-Chef Dommermuth nicht. Er ist aber überzeugt, dass er eine faire Chance bekommen muss. „Auch Viag Interkom, also das heutige O2-Netz, hat elf Jahre lang National Roaming von der Deutschen Telekom genutzt“, sagte er vor wenigen Tagen in einem Gespräch mit der „WirtschaftsWoche“ und forderte so indirekt eine Art Gleichbehandlung am Markt. Er habe gar kein Interesse, fremde Infrastruktur länger als nötig zu mieten. „Das ist teurer als unser eigenes Netz zu nutzen.“ National Roaming verstehe er als „eine Übergangslösung, die ein Neueinsteiger zwingend benötigt, aber möglichst rasch wieder loswerden will.“

Egal wie man das Blatt aber dreht und wendet: Die Verhandlungen mit den direkten Wettbewerbern sind für 1&1 schwieriger als ursprünglich gedacht. Hinter den Kulissen dürfte der Neueinsteiger unter den Mobilfunk-Netzbetreibern in Deutschland aber schon fleißig daran arbeiten, dass das vierte deutsche 5G-Netz möglichst rasch in Ballungsgebieten nutzbar ist; sobald ein National-Roaming-Abkommen steht. Auch wenn offiziell noch nicht entschieden ist, welcher Hardware-Partner das 1&1-Netz in Deutschland am Ende bauen wird. „Zur Zeit führen wir verschiedene Verhandlungen, aber wir haben uns noch nicht entschieden“, sagt Dommermuth.

5G-Netz von 1&1 startet nicht vor 2022

So oder so: Dass das 5G-Netz von 1&1 im Jahr 2021 an den Start geht – das war der ursprüngliche Plan – ist inzwischen längst überholt. „Wir hängen mindestens ein Jahr im Zeitplan zurück“, sagte Dommermuth im Gespräch mit der „WirtschaftsWoche“. Selbst bei einer kurzfristigen Einigung mit Telekom, Vodafone oder Telefónica und (mindestens) einem Netzwerkpartner, rechnet Dommermuth inzwischen erst mit einem Mobilfunknetz-Start von 1&1 im Jahr 2022. „Masten bauen, Antennen anbringen, hunderte dezentrale Cloud-Rechenzentren ausstatten, alles mit Glasfaser vernetzen – das braucht seine Zeit.“

Noch ist das vierte Mobilfunknetz für Deutschland also nur auf dem Reisbrett gezeichnet. Man darf gespannt sein, wann erste Ergebnisse den großen Dampfer 1&1 aus seinem Zwangsstopp im Packeis befreien können. Zur Stunde sieht es so aus, als könne es eher noch Monate als Wochen dauern, bis der Eisbrecher anrücken kann.

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