Beratung im Handyladen: Politik, die 10 Jahre zu spät kommt – und heute nicht mehr gebraucht wird

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Intransparenz bei der Beratung im Handyladen? Laut der nordrhein-westfälischen Verbraucherschutzministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) informieren viele Mobilfunk-Shop-Betreiber ihr Kunden nur unzureichend über anfallende Kosten in Handytarifen. Jan Freynick, Gründer von inside handy und geschäftsführender Gesellschafter der inside intermedia Shop GmbH & Co. KG, hält vor allem die pauschalisierende Verurteilung einer ganzen Branche für falsch. Ein Kommentar.
Handyladen von O2
Bildquelle: Telefónica Deutschland

Wenn Politiker in der Öffentlichkeit eine Daseins-Berechtigung deutlich machen wollen, dann lösen sie mit großer Geste Probleme, die es im Grunde gar nicht gibt. Ein weiteres Stück aus diesem Theater vermeldete jüngst der WDR: NRW-Verbraucherschutzministerin Heinen-Esser möchte Kunden von Handyläden besser schützen, indem auch dort ein 14-tägiges Widerrufsrecht gilt. Der Grund sei das Gewirr von Kosten, Extras und Tarifen, die der Kunde häufig nicht verstehen könne und bei der er dann in einer „Druck- und Überrumpelungssituation” trotzdem einen Vertrag abschließe.

Politik greift ein – viel zu spät

Jahrelang hat sich die Politik um den tatsächlichen Tarifdschungel nicht geschert. Es gab Angebote mit Haupt-, Neben- und Wochenendzeiten und mit unterschiedlichen Tarifen zu Kunden der selben Marke, des selben Netzes oder in Fremdnetze, mit Festnetz-Tarifzonen á la Homezone und zudem mit zum Teil horrenden Sonderpreisen zu ausgewählten Rufnummern. Ja, es gab auch Zeiten, in denen man fast schon panische Angst davor hatte, aus Versehen in das WAP-Netz und damit in unfassbare Kostenfallen zu geraten. Zeiten, in denen mit Mobilfunktarifen vom Rasenmäher bis zum High-End-Grill alles mit verkauft und subventioniert wurde, was irgendwie sinnvoll erschien. Der Politik war es egal – und nicht wenige Mobilfunkkunden haben im Konsumrausch den Überblick über Verträge und monatliche Ausgaben verloren.

Heute sind die meisten Tarifangebote sogenannte Allnet Flats – also Tarife, bei denen sämtliche Standard-Telefonate in alle deutschen Netze und zu allen Zeiten durch einen monatlichen Pauschalpreis abgegolten sind. Tarifdschungel? Fehlanzeige. Lediglich in den Leistungsmerkmalen der Datenübertragung unterscheiden sich die Tarife noch mit Blick auf Übertragungsstandards und das monatlich inkludierte Highspeed-Volumen.

Aber auch hier sucht man Angebote, mit vergleichbaren Kostenfallen zu damals nahezu vergebens. Natürlich, Auslandsgespräche oder Sonderrufnummern bleiben ein Kostenrisiko. Aber selbst wer in der EU Urlaub macht, braucht seine nächste Handyrechnung nicht zu fürchten.

Pauschaler Vorwurf unbegründet

Noch schlimmer erscheint mir der pauschale Vorwurf, dass in Handyläden mit Druck- und Überrumpelungsmethoden gearbeitet würde. Mir stellt sich die Frage, wer sich das in diesen Zeiten noch tatsächlich leisten kann? Es mag noch ein paar schwarze Schafe geben – aber in der Branche ist es ein offenes Geheimnis, dass Kundenorientierung und größtmöglicher Service die einzigen Chancen für den stationären Mobilfunkhandel sind, die ein Überleben ermöglichen.

Zumindest im Mobilfunkmarkt hat der scharfe Wettbewerb und gerade die Vergleichbarkeit der Angebote dafür gesorgt, dass Kunden heute deutlich weniger Angst vor Abzocke und ungewollten Tarifen haben müssen als noch vor zehn Jahren. Vielleicht ist der unnötige Vorstoß der Ministerin ja mehr, als nur überflüssige Symbolpolitik. Vielleicht ist es auch ein Zeichen dafür, wie weit Politik von der Wirklichkeit entfernt lebt.

Im schlimmsten Fall wäre es ein Zeichen dafür, dass es eben Jahrzehnte benötigt, ehe benötigter Verbraucherschutz bei der zuständigen Ministerin ankommt. In diesem Fall so lange, dass sich der Wettbewerb selbst reguliert hat.

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