Experten-Gespräch zur Frequenzauktion: 1&1 Drillisch als Zünglein an der Waage

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Wie ist die Strategie der etablierten Mobilfunknetzbetreiber und von Neueinsteiger Drillisch bei der Versteigerung der 5G-Frequenzen? inside handy hat mit einem Experten für angewandte Auktionstheorie und Marktdesign gesprochen. Demnach gibt es für die komplette Auktion ein Zünglein an der Waage.
Ein Mobilfunk-Sendemast im Wald
Bildquelle: Thorsten Neuhetzki / inside digital

Vitali Gretschko ist Leiter der ZEW-Forschungsgruppe „Marktdesign“ und Professor für Marktdesign an der Universität Mannheim. Außerdem ist der Professor Mitglied der DFG-Forschergruppe „Design and Behavior“. Eines seiner Spezialgebiete: angewandte Auktionstheorien. Und als Experte auf dem Gebiet der Auktionen sagt Greschko: „Die deutsche Auktion ist in seiner Struktur einzigartig.“ Bei anderen Frequenzauktionen könne man nicht sehen, wer bietet und wie viel geboten wird.

Die Bieter kommunizieren über ihre Gebote miteinander

Der Aufbau der Auktion ermögliche, dass die Bieter untereinander durch die Art ihrer Gebote indirekt miteinander kommunizieren. Dabei könne man dem anderen Bieter indirekt mitteilen, wie viele Frequenzblöcke man auf jeden Fall ersteigern möchte und welches Feld man den anderen überlassen würde. „Diese Kommunikation war in den ersten Tagen der Auktion immer wieder zu beobachten“. Dieser Austausch erfolge in Schüben.
So sei insbesondere die erste Runde bemerkenswert gewesen, in der United Internet mit 1&1 Drillisch ein Signal gesetzt hat.

Telekom hat mehr Frequenzbedarf als die Mitbewerber

Auch Telefónica hat in Runde 43 kommuniziert: Es wurden Gebote zurückgezogen. „Für mich hieß das Zurückziehen, dass Telefónica der Auffassung ist, dass die etablierten Netzbetreiber jeweils acht Blöcke im Bereich um 3,6 GHz bekommen sollten.“ Nach Analyse von Vitali Gretschko zeigt sich auch Vodafone mit einem Spektrum von 80 MHz einverstanden. Die Telekom aber hat es bisher nach seiner Analyse auf zehn statt acht Blöcke abgesehen. Damit blieben für 1&1 Drillisch nur noch drei Blöcke plus der problembehaftete konkrete Block mit 20 MHz Spektrum. Das aber ist für ein vernünftiges 5G-Netz – selbst für den Neuling 1&1 Drillisch – zu wenig.

In der Folge heiß das, dass 1&1 Drillisch – wie mehrfach zu beobachten war – entsprechende Signale setzt und nach und nach die Kosten der Frequenzen massiv verteuert. Gleichzeitig kommt Vitali Gretschko zu dem Schluss: „Wenn Drillisch aussteigt, ist die Auktion schnell vorbei.“ Dann werden sich vermutlich die Netzbetreiber schnell einigen. Ob und wann es zu einem Ausstieg von 1&1 Drillisch kommt, ist für ihn aber komplett offen. Aber augenscheinlich scheint es dem Neuling ernst mit den Frequenzen. „Immer wenn die anderen Bieter Drillisch durch Überbieten in die Schranken weisen, werden anschließend weitere Blöcke durch Drillisch teuer gemacht.“

Weiter auffällig: Die etablierten Anbieter überbieten Drillisch niemals komplett. Der Anbieter hält in jeder Runde mindestens drei Frequenzblöcke. Mit diesen ließe sich jedoch kein ernsthaftes Netz aufbauen. Das würde Drillisch überdurchschnittlich viel Geld für wenig Ausbeute kosten. Nach Ansicht von Gretschko müssten die etablierten Netzbetreiber es schaffen, United Internet an die Grenzen des vorhandenen Budgets zu bringen. Gleichzeitig dürfen sie aber die Frequenzen für sich selber nicht unnötig teuer machen.

Ausgang der Auktion auch für den Experten offen

Wie lange die Auktion noch läuft und ob es am Ende drei oder vier erfolgreiche Unternehmen gibt, dazu mag der Professor für Marktdesign an der Universität Mannheim keine Prognose abgeben. Eine solche Prognose sei nicht seriös möglich. Aber in einem ist er sich sicher: Die Milliarde Euro für alle Frequenzen zusammen wird es für den Staat mindestens geben.

Wie weit es darüber hinaus geht, liegt in seinen Augen primär am Bankkonto von Drillisch. Der Neuling gilt also als das Zünglein an der Waage. Ginge man davon aus, dass das Unternehmen mit seinen bisherigen aufsehenerregenden Maximalgeboten an das Maximum gegangen ist, dann würde Drillisch nur 233 Millionen Euro zur Verfügung haben. Dass das der Maximalbetrag ist, darf indes bezweifelt werden.

Tag 6: Drillisch bietet wieder hoch

Mit Runde 65 ist inzwischen der sechste Tag der Frequenzauktion zu Ende gegangen. In der letzten Runde des Tages hat 1&1 Drillisch abermals einen Frequenzbock durch ein Gebot erneut verteuert. Mit 27,1 Millionen Euro ist dieser Block nun der teuerste im 3,6-GHz-Bereich.

Mittlerweile vergrößert sich auch der finanzielle Unterschied im Bereich der UMTS-Frequenzen. Kosten die Frequenzblöcke, die erst ab 2026 zur Verfügung stehen, nur rund 15 bis 35 Millionen, so sind es bei den Blöcken mit 20 Jahren Laufzeit inzwischen 40,7 bis 44,7 Millionen Euro.

Zwischenstand der Frequenzauktion 2019 nach Tag 6
Zum Vergrößern anklickenQuelle: Bundesnetzagentur

Insgesamt haben die vier Bieter inzwischen 870 Millionen Euro auf den Tisch gelegt. Schaut man sich den Verlauf der vergangenen Runden an, ist insbesondere eines auffällig: Seit Runde 47 kostet ein Frequenzblock für Drillisch im Schnitt stets rund 23,2 Millionen Euro. Bei den drei etablierten Anbietern sind hier mehr Schwankungen zu beobachten – außerdem kosten ihre Frequenzblöcke im Schnitt weniger. Erst mit der letzten Runde stiegen die Kosten pro Block bei Drillisch leicht auf jetzt 23,68 Millionen.

Im 3,6-GHz-Bereich ist Drillisch aktuell bereit, mit etwa 20 Millionen Euro pro Block mehr zu zahlen als die Wettbewerber. Die Telekom will aktuell nur rund 8 Millionen pro Block auf den Tisch legen. Anders um bisherigen UMTS-Bereich: Hier legt die Telekom mit etwa 44 Millionen Euro deutlich mehr auf den Tisch als alle Wettbewerber. Hier bietet Drillisch mit etwa 31 Millionen im Schnitt am wenigsten pro Block.

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