Experte: Darum sollten Telekom und Vodafone noch kein 5G bewerben

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5G in Deutschland ist gestartet – zumindest mit einigen wenigen Standorten. Das Besondere: Die Netzbetreiber wollen keinen Aufpreis für 5G. Wie ist das zu erklären und wie schnell wird sich 5G durchsetzen? Und: Welche Chancen hat überhaupt 1&1? Diese Fragen haben wir einem anerkannten Telekommunikations-Experten gestellt.
5G im Telekom-Netz
5G im Telekom-NetzBildquelle: Thorsten Neuhetzki

Prof. Dr. Torsten J. Gerpott ist Wirtschaftswissenschaftler und Lehrstuhlinhaber für Technologieplanung an der Uni Duisburg. Er gilt als einer der erfahrensten unabhängigen Experten der Telekommunikationsbranche. Gerade erst in dieser Woche hat er für den Branchenverband VATM eine Marktstudie vorgelegt. Am Rande dieser Präsentation konnte unser Redakteur Thorsten Neuhetzki ihn auch zum Thema 5G befragen.

inside digital: Herr Professor Gerpott, Telekom und Vodafone sind mit 5G gestartet und bieten das neue Netz inzwischen ohne Aufpreis in den aktuellen Verträgen an. Wie schätzen Sie die Marktstrategie der Netzbetreiber ein? Haben Sie damit gerechnet, dass 5G so schnell kostenlos wird?

Prof. Dr. Torsten J. Gerpott: Wir haben in Deutschland im internationalen Vergleich ohnehin schon hohe Endkundenpreise für mobile Datendienste. Nach meiner Einschätzung hätten sich die Netzbetreiber schwer damit getan, hier für 5G noch Zuschläge durchzusetzen. Insofern überrascht mich nicht, dass Telekom und Vodafone jetzt in vielen Tarifen keine Aufschläge für 5G verlangen.

inside digital: Die 5G-Einführung verläuft damit anders, als wir es von LTE oder UMTS kennen. Die neuen Netze wurden deutlich mehr zur Cash Cow gemacht. Denken Sie, 5G wird dadurch schneller relevant für den Privatkundenmarkt, als es viele vorhersagen?

Gerpott:  Bei UMTS und LTE hat es viele Jahre gedauert bis sich die Netze im Markt durchgesetzt haben. Das hat sicherlich auch mit der „Abschöpfungspreisstrategie“ der Anbieter zu tun. Bei 5G verhalten sich die Netzbetreiber nun anders – vermutlich auch, um schneller den Massenmarkt zu erschließen.

inside digital: In Ihrer aktuellen Marktanalyse steht, dass nur knapp 40 Prozent der SIM-Karten LTE nutzen können – M2M-Karten für Maschinen eingerechnet. Erwarten Sie, dass die Verbreitung jenseits der Netzbetreiber bei 5G ähnlich schleppend laufen wird?

Gerpott: Ich denke, der Markt ist heute tendenziell weiterentwickelt als es zum Start von LTE der Fall war. Die Kunden wissen inzwischen den Mehrwert eines schnellen Datenzugangs zu schätzen. Ich erwarte deshalb, dass sich 5G deutlich schneller im deutschen Markt durchsetzen wird.

Den Flaschenhals bei der ganzen Thematik sehe ich aber weniger bei den Tarifen und der Nachfrage der Kunden. Vielmehr ist der Engpass für mich bei der Festlegung von Standards im 3GPP und die sich anschließende Entwicklung sowie Produktion der Netztechnik zu suchen. Die Netze, die heute in der Vermarktung sind, sehe ich als Pilotanwendungen, die aber prominent positioniert werden. Aber wenn man ehrlich ist: 5G Infrastruktur ist derzeit weder technisch komplett entwickelt noch über einzelne Inseln hinaus verfügbar.

inside digital:  Ja, das sind nur einzelne Sendemasten bei Vodafone oder kleine zusammenhängende Gebiete bei der Telekom. Aber was bedeutet das dann für den Kunden, wenn er abends im Fernsehen an keinem Werbeblock vorbeikommt, in dem Vodafone für die mobile Gigabit-Gesellschaft und Telekom für 5G wirbt?

Prof. Dr. Torsten J. Gerpott
Prof. Dr. Torsten J. Gerpott

Gerpott: Ich halte es nicht für sonderlich klug, hier jetzt schon viel Marketing-Budget auszugeben. Gegen allgemeine Image-Werbung spricht nichts, konkrete Produkte sollten die Netzbetreiber in meinen Augen aber noch nicht bewerben. Warum? Das enttäuscht am Ende nur die Kunden, wenn sie mit der Erwartung, 5G nutzen zu können, in den Shop gehen oder sich einen Tarif online buchen und am Ende fernab von jeder 5G-Versorgung leben.

inside digital: Bekanntlich bekommen wir in Deutschland mit 1&1 wieder einen vierten Anbieter auf dem Mobilfunkmarkt. Wie schätzen Sie das ein? Hat ein vierter Anbieter überhaupt eine Chance – gerade, wenn er heute noch nicht einen einzigen Sendemast aufgebaut hat? Wäre es ohne die bestehenden 9 Millionen Kundenverträge überhaupt denkbar, ein solches Projekt zu starten?

Gerpott: Inwiefern 1&1 auch langfristig als eigenständiger 5G-Netzbetreiber erfolgreich sein wird, kann heute nicht seriös abgeschätzt werden, da noch offen ist, welche Vereinbarungen zum regionalen Roaming mit Wettbewerbern der Neueinsteiger schließen kann und welche Vermarktungsansätze er wählen wird. In jedem Fall ist der erhebliche Bestand an Mobilfunkkunden, über den 1&1 bereits heute verfügt, eine notwendige Voraussetzung dafür, dass es für das Unternehmen sinnvoll sein kann, ein eigenständiges 5G-Netz aufzubauen.

inside digital: Vielen Dank für das Gespräch.

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2 KOMMENTARE

  1. Prof. Dr. Torsten J. Gerpott hat zu allen 5G Fragen nur wage mit Vermutungen geantwortet. Welche neuen Erkenntnisse soll das bringen?

    • Erkenntnis: Dass eben alles noch im Fluss ist.
           Die Propaganda GEGEN 5G zeigt ja auch Wirkung. Da werden sich viele – an sich schon zufrieden gestellte – Smartphone-Nutzer fragen, wozu sie sich jetzt auch noch „gefährliche“ 5G-Strahler ans Ohr halten sollen.
           Hinzu kommt, dass für 5G auch noch neue Geräte erworben werden müssen und Aufsteiger die „alten“ Geräte im High-End-Bereich zu immer günstigeren „Wahnsinnspreisen“ nachgeworfen bekommen.
           Außerdem sehen immer mehr Leute eine wirtschaftlich düstere Zukunft heraufdämmern, so dass ihnen das Geld für teure 5G-Technik nicht mehr so locker aus den Taschen quellen mag.
      Da ist jede Prognose riskant. Auch diese hier.

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