Eltern, passt auf eure Kinder auf: TikTok ist ein asoziales Netzwerk

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Die gute Nachricht zuerst: TikTok will Mobbing bekämpfen. Doch das Vorgehen des chinesischen Unternehmens ist menschenverachtend und alles andere als Inklusion. So versteckt TikTok etwa Videos von Menschen mit Behinderungen. Auch reduziert das asoziale Netzwerk die Reichweite von queeren und dicken Nutzern. Angeblich für besseren Schutz von „besonderen Nutzern“. Man kann aber auch sagen: TikTok ist menschenverachtend.
Bildquelle: Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Nathan Anderson / Montage: inside digital

TikTok ist eine populäre Video-App aus China, die in den vergangenen Jahren besonders bei der jüngeren Zielgruppe an Beliebtheit gewann. Bereits in diesem Jahr wurde die App in Deutschland bereits 7,8 Millionen Mal heruntergeladen. In Indien sogar rund 191 Millionen Mal. Doch das soziale Netzwerk scheint nicht so sozial zu sein, wie es tut. Während Aktivisten auf der einen Seite ein barrierefreies Internet fordern, errichtet TikTok auf der anderen Seite bewusst Barrieren für benachteiligte Personengruppen. Berichten von netzpolitik.org zufolge habe das Netzwerk in den vergangenen Monaten ungewöhnliche Maßnahmen genutzt, um vermeintlich verwundbare Nutzer zu schützen. Interne Moderationsregeln zeigen, dass Moderatoren angewiesen wurden, bestimmte Nutzer zu markieren, um diese anschließend in ihrer Reichweite zu beschränken – ohne individuelle Betrachtung des Inhalts. Angeblich zum Schutz vor Mobbing.

Schutz vor Mobbing durch Reduzierung der Reichweite?

Der betroffene Abschnitt in den Moderationsregeln von TikTok lautet: „Bilder von Subjekten, die hochgradig verwundbar für Cyberbullying sind“. Später ist die Rede von Nutzern, bei denen „auf Basis ihrer physischen oder mentalen Verfassung“ davon ausgegangen werden muss, dass sie zur Zielscheibe von Cyberangriffen werden. Um diese Nutzer ausfindig zu machen, sollten Moderatoren diese markieren. Die Moderatoren hatten für die Urteilung im Schnitt 30 Sekunden Zeit. Betroffene Nutzer sind laut den Richtlinien jene, die ein „entstelltes Gesicht“ haben oder unter Autismus sowie dem Down-Syndrom leiden. Auch Nutzer, die in größerem Maß von Mobbing betroffen sein könnten, wurden von Moderatoren gelistet. So zum Beispiel jene, die Videos mit Hashtags wie #lebenmitbehinderung posten oder „Autist“ in der Biografie stehen haben. Aber auch Nutzer, die einfach nur dick sind und damit selbstbewusst umgehen, die eine Regenbogenflagge in der Biografie haben oder sich in ihren Texten und Videos als lesbisch, schwul oder nicht-binär outen.

Konkret heißt dies für diese Nutzer, dass ihre Videos nur noch im eigenen Land und nicht mehr weltweit sichtbar sind. Konkreter: Die Reichweite von weltweit einer Milliarde reduziert sich auf maximal 5,5 Millionen Menschen – die Anzahl der aktiven TikTok-Nutzer in Deutschland.

Kleinere Bühne für Queere, Dicke und Menschen mit Behinderungen

Personen die TikTok als besonders gefährdet einstuft und dessen Videos 6.000 bis 10.000 Ansichten hatten, markierte das chinesische Unternehmen automatisch und gesondert. Sobald Videos dieser Personen eine bestimmte Publikumsgröße überschreiten, werden sie automatisch nicht mehr im „For-You-Feed“ angezeigt. Dieser Feed bietet vielen Nutzern die Möglichkeit, ein möglichst großes Publikum für ihre Tanzchoreografien oder Sketche zu bekommen. Wer es dorthin schafft, hat es also auf die große Bühne geschafft. Von dieser Bühne sollen Menschen mit Behinderungen, queere und dicke Menschen aber ferngehalten werden. Dafür reduziert TikTok ihre Reichweite drastisch. Sie spielen also nicht mehr auf der großen, sondern nur noch auf einer deutlich kleineren und regionalen Bühne.

Fürsorge falsch verstanden

Menschen aufgrund Sexualität, Aussehen oder Behinderungen zu markieren erinnere stark an die deutsche Geschichte, mahnte Christian Gosch von der Organisation AbilityWatch gegenüber netopolitik.org. Das Vorgehen von TikTok sei „übergriffig und ausgrenzend“. Besonders da bekannt ist, dass eine verbreitete Form des Mobbings im sogenannten Ghosting besteht. Also dem bewussten Ignorieren von Anderen. Maßnahmen gegen Cybermobbing sollten eher auf die Beschränkung der Taten und nicht gegen die Opfer abzielen. Auch Inklusions-Aktivist Raul Krauthausen sagte dazu: „Ein vermeintliches Opfer vor sich selbst schützen, ist immer schwierig. Behinderte Menschen sind ja auch nicht alle gleich. Manche können damit besser, andere schlechter umgehen – wie nicht behinderte Menschen auch.“

Wie geht es weiter?

Inzwischen scheint TikTok bemerkt zu haben, dass dieser Umgang mit Mobbing nicht der richtige Ansatz war. Das Unternehmen erklärte, dass die Maßnahme lediglich zu Beginn getroffen wurde. Berichten zufolge sollen die Anweisungen jedoch noch bis mindestens September dieses Jahres gegolten haben. Nun sollen neue Regelungen getroffen worden sein. Wie diese jedoch aussehen ist nicht bekannt.

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