Diesel umweltfreundlicher als E-Auto? Das steckt hinter der heftigen Behauptung

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Ist der Diesel umweltfreundlicher als ein E-Auto? Haben sich unzählige Wissenschaftler über Jahre hinweg geirrt? Eine Studie soll das beweisen. Doch die Zahlen scheinen frei erfunden zu sein. Steckt womöglich ein deutscher Autokonzern hinter der Behauptung?
Diesel besser als E-Auto? Mehrere Studien, unterschiedliche Ergebnisse
Diesel besser als E-Auto? Mehrere Studien, unterschiedliche ErgebnisseBildquelle: Tesla

Ein Forscher des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel behauptet, dass das E-Auto 73 Prozent mehr Treibhausgase verursacht, als moderne Diesel-PKW. Eine überraschend hohe Zahl, über die wir berichteten. Zugleich wirft Ulrich Schmidt, ebenjener Wissenschaftler, zwei anderen Studien vor, Fehler gemacht zu haben. Ihm zufolge habe unter anderem das Fraunhofer-Institut fehlerhaft kalkuliert. Denn seinen Berechnungen nach habe das Elektroauto beim derzeitigen Strommix in Deutschland eine deutlich schlechtere Klimabilanz.

Eine Antwort auf die Vorwürfe Schmidts ließ nicht lange auf sich warten. Martin Wietschel, Wissenschaftler am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung, widerlegt nicht nur die utopische Behauptung Schmidts. Er liefert zugleich auch noch vollkommen andere Werte. Laut Fraunhofer-Institut verursache das E-Auto keinesfalls 73 Prozent mehr Treibhausgase als der Diesel, sondern reduziere diese um 20 bis 46 Prozent. Er bezeichnet Schmidts Kalkulation als „theoretisches Gedankenspiel ohne praktische Relevanz.“

Deshalb ist das E-Auto umweltfreundlicher als ein Diesel-PKW

Die Berechnungen der IfW-Studie seien Wietschel zufolge nur bedingt nachvollziehbar. „Prüft man die Originalquellen und rechnet die 300 g CO₂/km für ein E-Auto nach, so kommt man zu dem Ergebnis, dass ausschließlich Braunkohlekraftwerke für die Berechnung angesetzt werden“, sagt der Wissenschaftler. Und diese hätten im Vergleich zu Steinkohlekraftwerken einen deutlich höheren CO₂-Wert. „Korrekterweise müsste die IfW-Studie deshalb immer von einer Braunkohlesubstitution sprechen“, so Wietschel.

Jedoch hätten insbesondere Braunkohlekraftwerke technische und wirtschaftliche Merkmale. Dazu zählen etwa Versorgungssicherheit, regionaler Strukturwandel oder der Erhalt von Arbeitsplätzen. Diese seien kaum durch den vermehrten Einsatz von schwankenden erneuerbaren Energien zu ersetzen. Die IfW-Studie vernachlässige aber ebenjene Zusammenhänge, indem sie behaupte, dass man erneuerbaren Strom eins-zu-eins gegen Kohle austauschen könne. „Nach dem anerkannten Wissensstand ersetzt ein erhöhter Einsatz von erneuerbarem Strom im Stromsystem überwiegend einen Mix aus Gas- und Steinkohlekraftwerken“, erklärt Wietschel. Somit wird der in der IfW-Studie dargestellte CO₂e-Einspareffekt erheblich überschätzt. Dem Fraunhofer-Wissenschaftler zufolge etwa um den Faktor 2.

Top 10 E-Autos mit der größten Reichweite

Die Rechnung hinkt

Die gewählte Vergleichsmethode zwischen Verbrenner und E-Auto erscheine Wietschel zufolge widersprüchlich. Denn: Bei E-Autos zieht die IfW-Studie die Emissionen aus Kohlekraftwerken heran. Beim Diesel hingegen berechne man die Durchschnittsemissionen. „Würde man analog die Grenzemissionen der Ölproduktion für konventionelle Pkw (durch Ölsande und Öl aus Fracking bestimmt) wählen, dann wären die CO₂e-Emissionen für konventionelle PKW weitaus höher als in der IfW-Studie angegeben“, ist sich der Fraunhofer-Wissenschaftler sicher.

Zudem haben überproportional viele E-Auto-Nutzer eine Fotovoltaikanlage auf dem Dach. Auch deshalb müsse man die in der IfW-Studie aufgestellte These, dass E-Autos ausschließlich über Kohlestrom aufgeladen werden, kritisch hinterfragen.

Erfundene Zahlen um Diesel besser dastehen zu lassen?

Schaut man sich die Studie von Ulrich Schmidt genauer an und stöbert in den Quellen, zeigt sich, dass der angegebene Wert des Anteils fossiler Energieträger am Strommix von 40 Prozent nicht in der Originalquelle auftaucht. Dort findet man lediglich einen Wert von etwa 23 Prozent. Und es kommt noch dicker: So gibt Schmidt in der IfW-Studie mit Verweis auf die Originalquelle an, dass ein aktueller Diesel-PKW etwa 173 g CO₂ ausstößt. Die Originalquelle zeigt jedoch einen Wert von 180 bis 195 g CO₂ für einen heutigen Diesel an. Abschließend sei anzumerken, dass das Institut für Weltwirtschaft in Kiel von der Volkswagen Stiftung gefördert wird. Inwieweit hier ein Zusammenhang zu der Studie besteht, bleibt fraglich.

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27 KOMMENTARE

  1. E Auto hat eine schlechtere Öko Bilanz. Die Rohstoffe um die Akkus zu Produzieren machen das alles zunichte. Mit Kinderarbeit, einer Unmenge an Wasser zur Lithium Gewinnung usw. Dazu kommt die Miserable Reichweite, die elend Lange Ladezeit, die horrenden Anschaffungskosten, sofern einen mit abnehmbarer Reichweite möchte. Dazu kommt die Entsorgung der Akkus. Toll. Sondermüll.
    In einem Diesel setzt man sich rein und fährt 1000Km +-200, super entspannt. Wenn er leer ist, 5 Minuten Tanken und weiter geht’s. Maja, Reisetempo locker 140-150Km/h. Da kackt jeder Stromer Meilenweit vorher ab.

    Und durch 6D Temp sind die Fzg so sauber das hinten bessere Luft raus kommt als vorne angesaugt wird.

    Man sollte eben Synthetische Kraftstoffe fördern und mit der Umweltschädlichen Bioplörre aufhören, eine absolute Schweinerei ganze Landstriche nur zur Gewinnung von diesem Dreck zu verwenden, darauf könnten die betroffenen Länder Lebensmittel zum Eigenbedarf anbauen.

    Tolle EU halt.

    Ein Hybrid fällt auch aus denn die Hersteller geben darauf keine Garantieverlängerung, was ja Bände spricht bzgl der Langzeithaltbarkeit.

  2. Das Fraunhofer Institut wird von der Bundesregierung finanziert, welche kürzlich ein umfassendes Klimapaket zugunsten von E-Autos beschlossen hat. Ob hier ein Zusammenhang zum Studienergebnis vom Institut besteht ist ebenfalls ungewiss……

    • Warum nehmen sie sich nicht einen Bleistift und einen Taschenrechner, schauen sich die beiden Papiere an und rechnen mal einfach nach. Ich, nur Realschulabschluß, habe das auch hinbekommen, das ist kein Hexenwerk.

      Dann hätten sie eine fundierte Meinung, und müssten nicht Mutmaßungen treffen. Nur soviel: Ich war erschreckt wie falsch man überhaupt rechnen kann, und das war ein Professor!

    • Es ist so einfach: Gemäss electricitymap.org hat die Kohleverstromung einen CO2 Anteil von 820g/kWh. Ein E-Auto das mit 15kWh/100km auskommt erzeugt demnach 123g CO2/km und nicht 300 wie von dem Wirtschaftswissenschaftler behauptet. Simple Mathematik.

      • Da müssen sie noch die Herstellung des Akkus berücksichtigen, die in dem Papier auch viel zu hoch angesetzt wurde, ansonsten haben sie völlig recht.

        • Über 50% Leitungs – und Speicherverluste? Ist das ihr Ernst? Wenn ja bitte begründen oder genauer erklären.

  3. Genau. Finger weg von meinem Diesel. Also Regenerative Kostenfresser zurückbauen und neue Kohlekraftwerke. Außerdem noch saubere AKW. Wenn die fossilen dann doch mal aufgebraucht sind liegen wir bestimmt schon unter der Erde und müssen uns zudem auch keinen Kopf mehr über Endlagerung und hohe Temperaturen machen. Oder was meinen Sie?

  4. @Jens Barth: So ziemlich jede Ihrer Aussagen lässt sich einfach widerlegen, und das wurde teilweise schon getan. Aber Argumente scheinen Sie nicht von Ihrer vorgefassten Meinung abbringen zu können.

  5. Danke @Dieter Buchholz
    Gut zu wissen, das manche noch mitdenken, sich tatsächlich mit dem Thema auseinandersetzen und differenzieren können.

    Stammtischweisheiten ist wohl das richtige Wort.
    Der Herr hat sich zumindest Mühe gegeben die gängigsten gut zusammenzufassen.

  6. Tja, die Jungs und Mädels vom IfW scheinen auch nicht die hellste Kerze auf der Torte zu sein. Wieder so ein Gutachten, das so heisst, weil man gut darauf achtet, was raus kommen soll.
    Apropos: Die von den Universitäten von Exeter, Nijmegen und Cambridge 2020 erstellte Studie hat ergeben, dass Elektroautos insgesamt zu geringeren CO2-Emissionen führen, sogar dann, wenn die Stromerzeugung immer noch auf fossilen Brennstoffen beruht (siehe „Nature Sustainability“). Das Fahren eines Elektroautos ist derzeit in 95% der Welt klimafreundlicher als herkömmliche Benzinautos. Es gibt nur wenige Ausnahmen, z.B. Polen, wegen des Strommixes basierend zu 85% auf Kohle.

  7. Die Umweltfreudlichkeit von E-Autos hängt einmal davon ab, wie der Strom produiziert wird. Wer im Kölner Raum ein E-Auto fährt, nutzt den Strom der RWE-Braunkohlekraftwerlen. Dann ist die Herstellung der Akkus nicht umweltfreundlich. Im Kongo werden wird der Rohstoff Kobald teils mit Kinderarbeit von chinesischen Firmen, welche die Schürfrechte eingekauft haben, abgebaut. Auch der Abbau des Lithiums führt dazu, dass in großen Landstrichen das Grundwasser abgesenkt wird. Die Umweltbilanz ist also auf keinen Fall Besser auf bei einem Diesel

    • Im Kongo hat die grösste Kobaltmine letztes Jahr geschlossen – wegen mangelnder Nachfrage. Warum? Der Kobaltanteil sinkt ständig. Zumindest in den E-Autos. Bei den Verbrennern braucht es nach wie vor gleich viel – dort ist die Kinderarbeit kein Problem. Genauso wenig wie das Benzin das wohl von Elfen in Vollmondnächten gewonnen wird.

    • @Franzl
      Bitte bei der Umweltbilanz eines Diesels bitte alles einrechnen und nicht so tun, als ob der Kraftstoff neben der Tankstelle auf Bäumen wächst und vom Tankwart direkt in die Tanks geerntet wird.

      -Abflämmen von Gas
      -Umweltschäden durch Pipelines mit ihren dauerhaften Leckagen
      -Tankerunfälle mit ihren katastrophalen Auswirkungen
      -Unfälle auf Erdölplattformen
      -Kriege ums Öl
      ich könnte noch ewig weiter aufzählen…

      Zum Wasserverbrauch des Lithiums habe ich weiter oben schon was geschrieben, wenn ihnen das so viele Sorgen bereitet sollten sie auch auf ihr Handy, akkubetriebene Geräte aller Art und insbesondere Ebikes in Zukunft völlig verzichten. Und tragen sie auf keinen Fall Jeanshosen, googeln sie mal nach dem Wasserverbrauch, da wird ihnen übel…

      Und übrigens haben wir in Deutschland ganze Landschaften für den Abbau von Kohle für immer zerstört, tausende Familien wurden ihrer Heimat beraubt. Und es geht weiter, die Planungen laufen bereits. Bitte mal mit dem absenken des Grundwasserspiegels in einer Wüste, welche kaum eine Lebensgrundlage für die vereinzelnd dort lebenden Einwohnern bietet, objektiv vergleichen.

      Ich will das nicht schönreden, ich will auch nicht behaupten, dass diese Probleme keine Realität wären, man muss sie nur richtig einordnen…..

  8. 1. Der Autor des Artikels erscheint mir deutlich voreingenommen, bezeichnet er doch die Zahlen der IfW-Studie von vorneherein als „utopisch“, ohne bis dahin ein Beleg dafür geliefert zu haben.
    2. Eine Grundlage der IfW-Studie ist die Annahme, dass alternative Energien zur Stromerzeugung die Braunkohlekraftwerke ersetzen könnten. Wenn jetzt der Autor darlegt, dass diese aus Gründen von Arbeitsplätzen und Liefersicherheit sowieso erhalten bleiben müssen und stattdessen die modernen Gaskraftwerke ersetzt werden, erscheint mir das Ganze immer mehr als ein Stück aus dem Tollhaus.
    3. Wenn man berücksichtigt, wie marginal der Einfluss dieser Umstellung in Deutschland aufs Klima ist und gleichzeitig diese erbitterte Auseinandersetzung verfolgt, kann man auf die Stärke der involvierten Interessen schließen.

    • Hans Kurth: den Beleg kannst Du selbst nachlesen. Da kommt man schnell selbst drauf: Gemäss electricitymap.org hat die Kohleverstromung einen CO2 Anteil von 820g/kWh. Für ein E-Auto das mit 15kWh/100km auskommt sind dies 123g CO2/km. Nicht 300.
      2. Die Aussage der Studie, dass jedes E-Auto zu 100% mit Kohlestrom fährt weil es on Top kommt, ist grösster Bullshit. Wenn diese Aussage stimmen würde, würde ja jede Glühbirne die eingeschaltet wird zu 100% mit Kohlestrom betrieben da es ja on Top ist. Letztlich würden alle Verbraucher zu 100% mit Kohlestrom betrieben da sie ja irgendwann mal eingeschaltet wurden. Das das nicht stimmen kann merkst Du selbst, nicht?
      Richtig ist: Ein E-Auto wird mit dem aktuellen Strommix geladen wie jeder andere Verbraucher auch. Zu Zeiten mit wenig erneuerbarer Energie im Netz verschlechtert sich der Strommix ein ganz klein wenig, zu Zeiten mit Überschuss, wenn also Windkraft und Photovoltaik abgeregelt werden müssen, verbessert sich der Strommix, da dann mehr erneuerbare Energie verwendet werden kann.
      Man darf nicht vergessen, dass es sich bei dem Autor um einen Wirtschaftswissenschaftler handelt, der offenbar so differenzierte technische Überlegungen nicht machen kann. Das hat auch das Fraunhofer im Kern gesagt. Schuster bleib bei deinen Leisten würd ich sagen.

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