Der Hype um das Gigabit-Internet 2018 – eine Retroperspektive

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Fast könnte man den Eindruck gewinnen, Deutschland besteht nur noch aus schnellem Gigabit-Internet. Gigaspeed hier, Gigabit City dort und Glasfaser vermeintlich überall. Ist das wirklich so? Hat Deutschland 2018 den Anschluss an Süd-Korea geschafft und bekommt endlich die Breitband-Kurve? inside handy Redakteur Thorsten Neuhetzki wirft einen kritischen Blick zurück.
Arbeiter verlegen Glasfaser-Kabel in die Erde, ein Bagger wartet auf seinen Einsatz
Bildquelle: Deutsche Glasfaser

Gigabit-Internet auf dem Weg zu jedem Bürger.“ Eine Pressemitteilung des Lobby-Verbandes Anga mit dieser Überschrift landete vor wenigen Tagen in meinem Postfach. Gigabit-Internet für jeden Bürger. Das klingt großartig und würde Deutschland ein ganz großes Stück voranbringen – trotz jahrelang verschlafenem Breitbandausbau, dem Hochhalten der alten Kupfer-Telefonleitungen und den zahlreichen Regulierungs-Possen. Doch ist das wirklich so toll, wie die Überschrift suggeriert?

10 Millionen Internetanschlüsse seien bereits Gigabit-fähig, heißt es von dem Verband, der die Kabelnetzbetreiber in Deutschland vertritt. Entsprechend wird auch herausgestellt, dass 7,3 Millionen Anschlüsse von den Kabelnetzbetreibern realisiert wurden. Keine schlechte Leistung, immerhin wurde erst im März der erste Gigabit-Anschluss im Kabelnetz geschaltet. Das ist die eine Seite der Medaille. Doch eine Medaille hat immer zwei Seiten. Denn diese vor allem von Unitymedia und Vodafone realisierten Gigabit-Anschlüsse bringen Deutschland nur bedingt voran. Zwar können jetzt 7,3 Millionen Haushalte einen zumeist recht teuren Anschluss mit 1 Gbit/s im Downstream buchen. Doch würden sie dieses auch tun, wäre die Enttäuschung schnell groß: Die Netze wären hoffnungslos überlastet.

Gigabit-Kabelnetze heute nicht für alle ausgelegt

Hintergrund ist die Bauweise der Kabelnetze. Sie sind stärker als andere Netze von dem Phänomen des Shared Medium betroffen. So nennt man die Aufteilung der Bandbreite des Netzes auf seine Nutzer. Mitunter teilen sich mehrere hundert Haushalte eine Glasfaserleitung („Cluster“). Bei einem gebuchten 100-Mbit/s-Anschluss und schlechtem Netzausbau kann es schon mal zu einstelligen Megabit-Zahlen am Abend kommen – wenn alle anderen auch das Internet nutzen.

Das Kabelnetz ist selbst mit dem neuen Gigabit-Übertragungsstandard DOCSIS 3.1 nicht dafür ausgelegt, alle Haushalte gleichzeitig mit Gigabit zu versorgen. Aktuell sind weit weniger als 10 Gbit/s pro Cluster möglich. Und: Der Upstream ist im Vergleich zu Glasfaserleitungen kümmerlich: Aktuell bieten die Netzbetreiber gerade einmal 50 Mbit/s an. Beim echten Glasfaser ist auch hier technisch ein Gigabit möglich.

Es ist also streng genommen eine Mogelpackung, von 10 Millionen Gigabit-fähigen Anschlüssen in Deutschland zu sprechen. Doch es macht sich gut in der Außendarstellung. Außerdem können die wenigen Haushalte, die derart hohe Datenraten nachfragen und buchen wollen, davon profitieren. Auch für den Breitbandausbau in Deutschland hat das Gigabit per Kabel unterm Strich wenig Bedeutung. Denn es profitieren beim Gigabit-Ausbau per Kabelnetz nur jene Haushalte, die ohnehin schon schnelles Internet über dieses Kabelnetz bekommen konnten. Komplett unterversorgte Haushalte bekommen kein schnelles Netz dadurch.

Investition in Glasfaser langfristig nötig

Auf lange Sicht reicht es den Kabelnetzanbietern nicht aus, sich auf ihrem Netz auszuruhen. Sobald die Nachfrage nach Gigabit steigt und die Haushalte die Leitungen ausnutzen, muss die Glasfaser näher zu den Kunden. Und auch, um einen höheren Upstream zu realisieren, ist ein hohes Investment in das Kabelnetz notwendig. Die Investitionen in ein engmaschiges Glasfasernetz sind also nur verschoben. Das sieht auch der Präsident des Kabelverbandes Thomas Braun so, drückt es aber anders aus: Die Netzbetreiber „investieren beständig in den Gigabitausbau – sowohl durch die Aufrüstung ihrer glasfaserbasierten Kabelnetze mit weiteren Glasfaserstrecken als auch mit komplett neuen Glasfasernetzen bis ins Haus.“

Echte Glasfaserleitungen versorgen oftmals Kunden ohne schnelles Internet

Nachhaltiger ist da der direkte Glasfaserausbau zu den Kunden mittels FTTB oder gar FTTH. Allerdings ist dieser Ausbau ungleich teurer und somit auch deutlich langsamer. Nach Schätzungen der VATM Marktstudie 2018 gibt es Ende des Jahres in ganz Deutschland 3,44 Millionen solcher Anschlüsse. Bei denen sind die Leitungen bis mindestens in das Gebäude des Kunden gelegt worden. Gerade einmal 827.000 davon kommen von der Telekom – nur 172.000 Anschlüsse mehr als ein Jahr zuvor. Und auch die Wettbewerber haben gerade einmal 348.000 neue Glasfaser-Anschlüsse verlegt.

Doch es gibt einen Unterschied gegenüber den 7,3 Millionen Gigabit-Anschlüssen der Kabelnetzbetreiber: Die Glasfaseranschlüsse entstehen derzeit oftmals in Regionen, in denen es noch kein anderes schnelles Internet gibt. Das sind entweder Neubaugebiete oder aber komplett unterversorgte Regionen. Die Telekom nutzt FTTH oftmals in Regionen, in denen es eine Förderung vom Staat gibt und sich VDSL nicht lohnt, weil die Häuser zu weit auseinander liegen.

Hohe Nachfrage in schlecht versorgten Gebieten

Unternehmen wie die Deutsche Glasfaser setzen gezielt auf unterversorgte Regionen und auf einen vergleichsweise teuren Netzausbau. Sie können dafür aber mit einer hohen Nachfrage durch die Kunden rechnen. „Aktuell sehen wir bundesweit vor allem in schlecht versorgten ländlichen Kommunen eine gesteigerte Nachfrage nach Highspeed-Anschlüssen“, bestätigt ein Sprecher der Deutschen Glasfaser gegenüber inside handy. Das mache sich am starken bürgerlichen Eigenengagement der Anwohner beispielsweise durch Bürgerinitiativen bemerkbar. „Zudem erreichen wir in über 85 Prozent der Kommunen, in denen wir engagiert sind, die nötige 40-Prozent-Vertragsabschlussquote für unseren Netzausbau.“ Mehr noch: Etwa 80 Prozent der Kunden würden einen Anschluss mit 400 Mbit/s oder mehr buchen. Derzeit kann das Unternehmen etwa 450.000 Haushalte der insgesamt 3,44 Millionen Glasfaserhaushalte anschließen. Bis zum Sommer soll die Zahl auf eine halbe Million steigen.

Diese 3,44 Millionen Glasfaseranschlüsse aller Glasfaseranbieter können schon heute deutlich mehr Kunden gleichzeitig mit hohen Datenraten bedienen, als es die Kabelnetze könnten. Eins soll nicht verschwiegen werden: Selbst bei der Glasfaser bis zur Wohnung des Kunden kann es bei den meisten Unternehmen theoretisch eine Überbuchung geben. Doch bis die einmal greift, ist es ein langer Weg.

Förderung des Staates zielt vermehrt auf Glasfaser ab

Und auch wenn 10 Millionen vermeintliche Gigabit-Leitungen nicht herausragend sind, wie es scheint – es hat sich viel getan in Breitband-Deutschland. Die Wichtigkeit von Leitungen, die schneller als die eigentlich schon bis Ende 2017 versprochenen 50 Mbit/s für Jeden sind, wurde auch in der Politik erkannt. Förderprogramme werden umgestrickt. Mit dem seit August 2018 laufenden Förderaufruf des Bundesverkehrsministeriums zielt auf den Glasfaserausbau ab. Entsprechend gibt es für 2019 auch schon einige konkrete Ausbaupläne. BiTel, enviaTel, die Deutsche Glasfaser und die Telekom sind nur einige Unternehmen, die konkrete Ausbaupläne haben. Alle miteinander haben jedoch ein Problem: Es mangelt an Baggern.

Ein weiteres Puzzlestück in der Breitbandversorgung in Deutschland ist die anstehende 5G-Auktion. Hier allerdings musste vielen Politikern der Zahn gezogen werden, dass mit 5G ab 2020 flächendeckend schnelles mobiles Internet zur Verfügung steht. Technisch und finanziell ist das mit den zur Verfügung stehen Mobilfunk-Frequenzen nicht machbar. Frühestens ab 2025 kann über ein annähernd flächendeckendes Highspeed-Netz per 5G nachgedacht werden – davor ist 5G, zumindest wenn es um hohe Datenraten geht, ein reines Hotspot-Thema.

Letztlich stellt sich ohnehin die Frage: Wer braucht Gigabit überhaupt? Die klare Antwort Stand heute: nur Wenige. Das zeigt sich auch in den so genannten Take-Up-Rates. Das sind jene Zahlen, die zeigen, wie viele der technisch möglichen Gigabit-Leitungen auch wirklich gebucht und genutzt werden. Unitymedia meldete für Bochum im November etwa neun Monate nach dem Start gerade einmal 500 Anschlüsse. Die Telekom hat nur 103.000 Glasfaser-Leitungen unter das Volk gebracht und auch die Glasfaser-Wettbewerber konnten gerade einmal 35 Prozent ihrer verlegten Leitungen auch wirklich monetarisieren.

Glasfaser ist wichtig – niemand weiß, was kommt

Um den Südkorea-Teaser aus der Einleitung aufzugreifen: Von Südkorea ist Deutschland nicht nur räumlich weit entfernt. Auch von der Glasfaser-Penetration ist Deutschland noch meilenweit entfernt. Während die Asiaten laut FTTH Council Europe Anfang 2018 eine Verbreitung von 81,6 Prozent aufwiesen, lag Deutschland den Zahlen zufolge bei 2,3 Prozent. Der EU-Durchschnitt lag bei 13,9 Prozent.

Der Gigabit-Ausbau in Deutschland ist wichtig. Immerhin hat eine Studie des Breitbandverbandes Breko ergeben, dass bis 2025 knapp ein Drittel der Haushalte einen Bedarf von 1 Gigabit pro Sekunde haben soll.

Und erinnern wir uns zehn Jahre zurück: Das iPhone 3G war gerade erst auf den Markt gekommen, O2 nutzte noch das National Roaming mit der Telekom und DSL war noch die Internet-Anschlussart schlechthin. An Fernsehen auf dem Handy, Video on Demand über Netflix und Amazon Prime sowie Virtual Reality machte sich noch niemand ernsthafte Gedanken. Wer weiß, welche Anwendungen in zehn Jahren wie selbstverständlich genutzt werden, an deren Breitband-Hunger heute noch niemand denkt. Daher ist jeder seriös verlegte Meter Glasfaser wertvoll, aber ein bisschen weniger „Giga“-Hype wäre auch angebracht.

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