Clearview KI-Software: Dem Überwachungsstaat so nah - Grüne fordern Verbot

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Prominente können davon ein Lied singen: Viele von ihnen können keinen Schritt durch die Stadt gehen, ohne erkannt und angesprochen zu werden. Doch was wäre, wenn das auch jeder Privatperson so erginge? Das macht eine Firma aus den USA mittels Gesichtserkennung möglich und tritt so die Privatsphäre mit Füßen. Google fordert indes eine strenge KI-Regelung - und auch zahlreiche Parteien fordern ein Verbot oder zumindest eine Regulierung von öffentlicher Gesichtserkennung.
Künstliche Intelligenz Symbolbild
Bildquelle: Pixabay

Ist die Privatsphäre, wie wir sie kennen, zu Ende? So oder so ähnlich titeln verschiedene Medien in Bezug auf das US-Startup Clearview und dessen KI-basierte App. Der Zweck der Anwendung ist, Menschen mittels Gesichtserkennung zu identifizieren. Das ist nicht neu, aber Clearview bringt eine neue Dimension in die Handhabe. Daraus ergibt sich nun eine lebhafte Diskussion jenseits des großen Teiches aber auch in Deutschland. Das Thema: Wird der gläserne Mensch Wirklichkeit?

Clearview: Ein Unternehmen bricht das Tabu

Nicht nur das Szenario, auch die Webseite des Unternehmens erscheint wie in einem Science-Fiction- oder Spionage-Film, der in weit entfernter Zukunft spielt: Eine weiße Seite mit beinahe steril wirkenden Schriftzügen. Hier und da sind Videos, Bilder oder Nachrichten eingebunden. Vermeintliche Fakten, die dem Image des Unternehmens zuspielen und Umstände bestätigen. Zusätzlich eingebaute Meinungen von App-Anwendern verleihen dem „Clearview AI“-Programm einen positiven Glanz.

Doch wer steckt hinter Clearview? Diese Frage beantwortet die Webseite nicht – weder mit einer Kontaktperson, noch mit vollständigen Adresssätzen. Im Gegenteil: Laut eines Berichts der New York Times soll Clearview „aus Versehen“ sogar unechte Adressen angegeben haben.

KI im großen Stil – Privatsphäre bleibt auf der Strecke

Nun ist die Gesichtserkennung an sich nichts Neues. In China beispielsweise wird mittlerweile ein Großteil der gesellschaftlichen Belange – zum Beispiel der Verkehr oder Eintritt in die Universität – über die Identifikation biometrischer Daten geregelt.

Clearview ist allerdings ein anderer Fall. Laut Recherchen der New York Times soll Clearview eine riesige Datenbank mit über drei Milliarden Fotos besitzen. Der Haken: Das Startup hat sich die Bilder von Privatpersonen nicht mit deren Zustimmung geholt, sondern aus dem Netz beschafft. Dabei scheint das KI-Programm von Clearview eine noch gewichtigere Datenkrake zu sein als Facebook und Co.

Soziale Netzwerke als Daten-Pool für Clearview

Denn laut der NYT soll das Unternehmen Soziale Netzwerke wie Facebook oder Instagram und öffentlich zugängliche Webseiten durchforstet und sämtliche Bilder automatisiert heruntergeladen haben. Dabei ist die Software so genau programmiert, dass wenn sie mehrere Bilder mit Übereinstimmungen findet, persönliche Daten dazu liefert. Somit sollen verschiedenste Menschen innerhalb weniger Sekunden durch die Datenbank erkennbar sein.

Legal scheint diese Beschaffungsart nicht, sondern verstößt im Gegenteil gegen die Richtlinien von Facebook, Instagram und Twitter. Vor allem der Kurznachrichtendienst betont, dass Bilder von Usern nicht für Gesichtserkennung genutzt werden dürfen. Auch Facebook unterbindet in seinen Richtlinien die automatische Durchforstung von Nutzerdaten. Zuckerbergs Netzwerk will den Umstand nun überprüfen, heißt es lediglich seitens Facebooks. Clearview-Gründer Ton-That kommentiert die Datensammlung gegenüber der New York Times mit den lapidaren Worten: „Viele Menschen machen das, Facebook weiß das.“

Clearview KI-Programm auch von Behörden genutzt

Das Ausmaß, in dem das KI-Programm von Clearview eingesetzt wird, ist im Gegensatz zur Technologie hinter der Gesichtserkennung neu. In den USA sollen bereits über 600 Behörden mit der Datenbank von Clearview arbeiten und für das Angebot zahlen – angeblich auch das FBI und das amerikanische Heimatschutzministerium. Darüber hinaus soll die App die Erfolge bei verschiedenen Verbrechen ankurbeln, sobald Ermittler die Software zur Überführung des Täters einsetzen. Neben Behörden soll Clearview auch mit Privatunternehmen sowie Privatpersonen zusammenarbeiten. Nähere Informationen dazu will man aber nicht bekannt geben.

Unklar bleibt, wie sicher die Datenbank von Clearview ist – sowohl für Angriffe durch Dritte als auch durch Kontrolle von Clearview selbst. Sollten Behörden tatsächlich mit der KI-Software des Startups arbeiten, würden unzählige, sensible Daten der Bevölkerung dort gespeichert. Wie die Software genau funktioniert, was Clearview mit den gespeicherten Daten macht und wer sie unkontrolliert einsehen kann, weiß man jedoch nicht. Möglich ist, laut der New York Times außerdem, dass Clearview die Personensuche, nach denen die Behörden fahnden, überwacht.

Google: Künstliche Intelligenz muss reguliert werden

In der großen Debatte rund um die Technologie hinter der Gesichtserkennung fordert Google mehr Datenschutz. Das Unternehmen spricht aus eigener Erfahrung, denn Systeme für Künstliche Intelligenz und Gesichtserkennung hat Google seit mehreren Jahren mit „FaceNet“ selbst im Programm. Auf den Markt brachte man die Technologie aus Sorge vor Datenmissbrauch allerdings nicht, so der ehemalige Google-CEO Eric Schmidt.

Sundar Pichai, derzeitiger Google-Chef, betont bei einer Rede in Brüssel, wie viele negative Konsequenzen Gesichtserkennung haben kann. Vor allem dann, wenn die Technologie in falsche Hände oder unter falschen Absicht eingesetzt werde. Auch Microsoft machte sich schon 2018 für mehr Datenschutz in puncto Gesichtserkennung stark.

Regulierung à la DSGVO

In den USA diskutiert man derzeit darüber, wie Behörden Künstliche Intelligenz einsetzen können. Wie Pichai erklärt, könne man sich dabei ein Vorbild an der europäischen DSGVO nehmen und auf diese Standards zurückgreifen. Eine strenge Regulierung gemäß ethischer Werte sei dabei ein Muss.

Gesichtserkennung in Deutschland: Wie ist die Lage?

Clearview hat mit dem Vorgehen, wie der Bericht der New York Times offenlegt, ein Tabu gebrochen. Durch die DSGVO ist Deutschland sowie auch die EU datenschutzrechtlich vergleichsweise stark abgesichert.

Auch Behörden wie die Polizei dürfen die Gesichtserkennung nicht nutzen, da sie dadurch die Privatsphäre der Bürger verletzen würden. Für den Einsatz solcher Technologien müsste hierzulande zunächst eine rechtliche Grundlage geschaffen werden.

Grüne fordern Verbot: „Wir treten ein für ein klares Nein“

Auch die Grünen treten für das Verbot von Gesichtserkennung in Deutschland ein. „Eine Gesellschaft, in der jeder und jede zu jedem Zeitpunkt überwacht werden kann, ist nicht frei“, betont Dieter Janecek der Grünen-Bundestagsfraktion gegenüber dem Handelsblatt.

Im Hinblick auf Clearview bezieht die Partei Stellung und betont, dass solche Unternehmen keinen Zutritt auf den europäischen Markt erhalten dürfen und schlägt in die gleiche Kerbe wie Google. Der Umgang mit Gesichtserkennung und generell biometrischen Daten sei Wichtig. Man müsse überlegen, „wie wir insgesamt in Europa wirksame Regeln für den Umgang mit Künstlicher Intelligenz schaffen, um grundlegende Rechte und Freiheiten zu schützen“, so Janecek.

Weitere Partien schließen sich an: „Ein Orwellscher Alptraum“

Die SPD schließt sich den Forderungen der Grünen nach einem Verbot von Gesichtserkennung im öffentlichen Raum an. Mit Blick auf die aufgedeckten Aktivitäten der amerikanischen Gesichtserkennungs-Firma Clearview AI fordert die Bundesvorsitzende der SPD, Saskia Esken, sich in Kürze mit einem europaweiten Verbot der Technologie zu beschäftigen. Auch die FDP fordert ein Verbot. Der innenpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Konstantin Kuhle, konkretisiert die Forderung: „Die Bundesregierung sollte ihre Pläne zur flächendeckenden Einführung von Gesichtserkennung an Verkehrsknotenpunkten überdenken und auf dieses Instrument verzichten.“ Er fügt hinzu, dass solche Technologien nicht zu den freiheitlichen Demokratien Europas passen würden.

„Forschung und Entwicklung der Technologie notwendig“

Der digitalpolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Tankred Schipanski (CDU), schließt sich den Aussagen der SPD grundsätzlich an sich mit dem Thema auf europäischer Ebene auseinanderzusetzen. Er fordert schnell Regeln für Gesichtserkennung aufzustellen und diese auf europäischer Ebene zu regulieren. Weitere Forschung und Entwicklung der Technologie hält der CDU-Politiker jedoch für wichtig, weil sonst die künftig dominierenden technischen Lösungen wieder in China oder den USA entwickelt würden.

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2 KOMMENTARE

  1. Andere Zeiten – andere Sitten.
    Das „versendet“ sich, sagten wir früher beim Sender.
    In 20-30 Jahren wird man sich wundern, wie „engstirnig“ wir uns heute zu technischen Entwicklungen zu verbarrikadieren versuchten.

    • Echt, engstirnig? Wenn ich meine Privatsphäre und Persönlichkeitsrechte als extrem wichtig erachte, bin ich engstirnig? Ich sage, wer es nicht tut ist grenzenlos naiv, wenn nicht dumm. Man braucht nur ein klein wenig Phantasie (ein wichtiger Teil der Intelligenz) und man weiß, in 20-30 Jahren wird man sich fragen, wie konnte es dazu kommen?

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