Gigabit-Hype im Festnetz und Mobilfunk: Für wen, für was und wann?

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"Brauchen Ihre Kunden diese Geschwindigkeiten wirklich?", wurde Lutz Schüler, Chef von Unitymedia in dieser Woche von Moderatorin Claudia Bechstein bei der Pressevorstellung der nächsten Städte, die Gigabit-Leitungen bekommen sollen, gefragt. Eine Frage, der es lohnt, nachzugehen: Wer kann Gigabit-Internet bekommen und wann - und wer braucht es überhaupt?
Deutsche Glasfaser
Bildquelle: Deutsche Glasfaser

Die zuendegehende Woche war geprägt von Breitband-Themen. Immerhin fand in Hannover die CEBIT und gleichzeitig in Köln die Kabel- und Breitbandmesse ANGA COM statt. Ein Schlagwort, das auf beiden Messen unvermeidlich war, war „Gigabit“. Auf dem Weg in die Gigabit-Gesellschaft befinde sich Deutschland, war es überall zu hören. Geht es nach den Anbietern, so wurde der Weg schon vor Jahren eingeschlagen, in diesem Jahr ruderte auch die Politik nach und kündigte an, bis 2025 sollte jeder deutsche Haushalt Zugriff auf einen Gigabit-Anschluss haben – möglichst per Glasfaser. 

Gigabit im Wohnzimmer – Noch ist die Reichweite überschaubar

Vor allem die Kabelnetzbetreiber wurden auf den beiden Messen nicht müde zu betonen, dass man schon jetzt Gigabit-Leitungen bieten könne. Tatsächlich ist es Stand heute aber nur Unitymedia als Kabelnetzbetreiber, der Anschlüsse mit 1 GBit/s für Privatkunden schaltet – wenn auch nur in Bochum. Frankfurt, Köln und Düsseldorf sollen dieses Jahr in Teilen folgen.

Mitbewerber und vermutlich baldiger Unitymedia-Eigentümer Vodafone hielt sich auf der CEBIT erst gar nicht mit einzelnen Städten auf. Bis Ende des Geschäftsjahres – März 2019 – will der Kabelnetzbetreiber 8 Millionen Haushalte mit einem neuen Internetstandard versorgen, der diese Datenraten ermöglicht. Doch ein neuer Standard ist nur die halbe Miete: Auch mit dem neuen DOCSIS 3.1 gilt: Teilen sich zu viele Kunden das Kabelnetz, so bricht die Geschwindigkeit abends in der Internet-Rushhour ein, wenn überall Netflix und Amazon Prime gestartet wird. Entsprechend wichtig ist es für die Kabelnetzbetreiber, das Glasfasernetz näher an die Kunden heranzuführen. Denn das mahnte auch Telekom-Chef Dirk Wössner an, der der Auffassung ist, die eigenen VDSL-Anschlüsse seien abends schneller als überbuchte Kabel-Gigabit-Anschlüsse.

Abseits der Kabelnetze haben auch schon diverse Glasfaser-Netzbetreiber Gigabit-Leitungen im Angebot. So bietet neben der zumeist eigenwirtschaftlich ausbauenden Deutschen Glasfaser beispielsweise auch die Deutsche Telekom schon 1 GBit/s an, wenn die Glasfaserleitungen in extrem ländlichen, geförderten Gebieten oder Neubaugebieten bis ins Wohnzimmer geht. Auch viele Stadtwerke investieren bereits in Glasfaserleitungen.

Unitymedia-Chef Lutz Schüler auf der Anga Com
Bildquelle: inside handy / Thorsten Neuhetzki

Wer braucht Gigabit-Internet und wofür?

Doch wer braucht nun in den eigenen vier Wänden heute einen Internet-Anschluss mit 1 GBit/s im Downstream? In der Tat ist die Frage der Unitymedia-Moderatorin berechtigt. Denn selbst ein Netflix-4K-Stream benötigt nach Angaben von Netflix „nur“ etwa 25 MBit/s im Downstream. Ein 4K-Stream ist derzeit – zumindest wenn es nicht um einen Download einer großen Datei geht – eine der breitbandhungrigsten Anwendungen, die möglich ist. Selbst wenn nun zwei Kinder und die Eltern sich nichts mehr zu sagen haben und jeder seinen eigenen UHD-Stream nutzt, kann eine 100-MBit/s-Leitung gerade noch ausreichen. Das ist ein Zehntel des Gigabit-Anschlusses.

Entsprechend verhalten ist auch die Nachfrage der Kunden. Unitymedia spricht von einer kleinen dreistelligen Zahl in Bochum. Und auch bundesweit ist die Nachfrage gemäß der VATM Marktstudie überschaubar. Von 3,11 Millionen verlegten Glasfaserleitungen waren 2017 gerade einmal 880.000 geschaltet. Mit welcher Datenrate ist nicht bekannt. Dass es deutschlandweit nur 9,3 Millionen Anschlüsse mit 50 MBit/s und mehr gab, lässt jedenfalls nichts Gutes für den Nachfrage der extrem schnellen Anschlüsse vermuten.

Wie wird sich der Bandbreiten-Bedarf entwickeln?

Doch dabei wird es nicht bleiben. In der Branche ist man davon überzeugt, dass die Anwendungen deutlich datenhungriger werden in den kommenden Jahren. „Wir werden die Formel 1 nicht mehr am Fernseher schauen, sondern im Cockpit über eine VR-Brille mitfahren und dorthin gucken können, wo wir wollen“, schätzt beispielsweise Unitymedia-Chef Schüler. Auch andere Branchenvertreter sehen VR, 4K, 8K und mehr als Traffictreiber. Ist jeder und alles vernetzt, entsteht immer mehr Traffic.

Dass Deutschland langfristig Gigabit-Anschlüsse brauchen wird, besagt auch Nielsen’s Law, das 1998 davon ausging, dass sich der Bandbreitenbedarf jedes Jahr um 50 Prozent erhöht. Rückblickend ist das zwar nicht exakt aber dennoch weitgehend zutreffend – das macht Gigabit-Leitungen auf lange Sicht unumgänglich. Das haben nahezu alle Anbieter erkannt, die inzwischen Glasfaserleitungen verlegen – egal ob sie das Datensignal dann per Kupfer, TV-Kabel, Funk oder schon direkt per Glasfaser zum Kunden bringen. Doch heute schon einen Anschluss mit 1 GBit/s zu haben dürfte für nahezu jeden über den Bedarf hinausgehen – und auch über das Budget. Denn unter 100 Euro im Monat sind die Anschlüsse kaum zu haben, während ein klassischer DSL oder VDSL-Anschluss je nach Anbieter und Geschwindigkeit zwischen 25 und 50 Euro kostet und für die meisten Haushalte ausreicht.

Gigabit im Mobilfunk: Gigabit für alle, nicht für jeden

Vodafone versprach auf der CEBIT nicht nur den Ausbau der Mobilfunknetze auf Gigabit-Datenraten, sondern auch den Ausbau der Mobilfunknetze. Losgehen soll es in Frankfurt und Düsseldorf im Herbst. Hier geht es nicht darum, das jeder Nutzer 1 GBit/s auf dem Handy bekommt, wie im Festnetz. Das würden Verbraucher heute noch weniger benötigen als im Festnetz. Beim LTE-Gigabit-Ausbau geht es um die Erweiterung der Kapazität pro Mobilfunkzelle, so dass mehr Nutzer gleichzeitig höhere Datenraten übertragen können. Anders gesagt ist der Gigabit-Hype im Mobilfunk wirklich nur eine Marketing-Maschine, während es im Festnetz um die tatsächlichen Geschwindigkeiten geht – sofern die Netzbetreiber beim Ausbau nicht sparen.

Übrigens: Unitymedia-Chef Lutz Schüler beantwortete die eingangs gestellte Frage seiner Moderatorin, ob man die Gigabit-Datenraten wirklich brauche, mit der launigen und scherzhaft gemeinten Aussage, dass natürlich niemand einen Anschluss mit 1 Gigabit pro Sekunde bräuchte und Unitymedia den Ausbau nur aus Langeweile mache. Ein Fünkchen Wahrheit ist zumindest aus der aktuellen Sicht der Kunden sicherlich dran. Die Anbieter sollten nicht vergessen: Viele Kunden wären dankbar, wenn sie überhaupt schnelles Internet hätten.

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